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14.02.2018

Wo ist Valentin?

Gedanken über die Liebe

 „Ich kann überhaupt nicht verstehen, warum Du immer noch alleine bist!“ Amelie muss sich scheinbar dauernd für ihren Single-Status rechtfertigen. „Mach Dir keine Sorgen, der Richtige kommt schon noch,“ hört sie dann und sie fragt sich, was an ihr als Einzelperson eigentlich falsch sein soll. „Du siehst gut aus, bist intelligent, es ist eine Freude mit Dir zusammen zu sein, es wundert mich, dass Du keinen Partner hast.“

Ist das Alleinsein vom jeweiligen Umfeld erst einmal als Autoimmunerkrankung diagnostiziert, versucht jeder mit guten Ratschlägen, zur Heilung beizutragen. Als Single-Frau ist Amelie natürlich einsam, verzweifelt, hilflos, verletzt und wahrscheinlich auch verbittert.

Auf der Suche nach der wahren Liebe hatte sie sicher mit dem ein oder anderen Mann ein erfolgloses Date in den letzten Jahren. Das wahre Glück lässt jedoch nach wie vor auf sich warten und Amelie weint jede Nacht bei Kerzenschein, in zahllosen einsamen Stunden, ihre Verzweiflung in die Kissen. Zwischen Alkohol und Pralinen schreibt sie, zu Tode betrübt, die Trauerrede ihrer eigenen Beerdigung. Der unerträgliche Tag der Verliebten naht und Valentin ist nicht in Sicht.

So viel zur Vorstellung der anderen, die sich nie überlegt haben, warum es so schön ist, mit Amelie Zeit zu verbringen. Sie ist zufrieden und glücklich mit ihrem Leben. Sie ist mit sich im Reinen und sie kann gut mit sich selbst allein sein, ebenso genießt sie die Gesellschaft anderer. Amelie ist selbstbestimmt und frei, frei von den Ansprüchen und Erwartungen anderer an sie.

Am Abend nach einem langen Arbeitstag kann sie entspannen oder sich mit Freunden zum Essen treffen, je nach Lust und Laune. Auch die Wochenenden sind traumhaft. Der Kaffee am Morgen in aller Ruhe zusammen mit dem spannenden Buch von gestern Abend bilden einen perfekten Start. Der Tag kann sich entwickeln, wie es gerade kommt. Keine Planung muss unbedingt eingehalten werden. Spontane Aktionen sind jederzeit möglich. So bucht Amelie für den März kurzentschlossen ein Ticket nach Lissabon, um dort für 2 Tage das Treiben zu beobachten und Menschen kennen zu lernen, mit denen sie in Begleitung niemals in Kontakt kommen würde.

Amelie ist weit davon entfernt, traurig, verzweifelt oder einsam zu sein.

„Das könnte ich nicht!“ hört sie immer wieder. Die meisten Menschen sind der Überzeugung, dass das „Alleinsein“ ein eher übler und vorübergehender Zustand ist, der nur Nachteile mit sich bringt und schnellstens beendet werden sollte.

Viele glauben, dass das Lebensglück von der Liebe abhängt. Man kann heutzutage alles sein, lesbisch, schwul, bi- oder transsexuell - aber bitte nicht glücklicher Single. Da stimmt doch etwas nicht. 

„Es fällt niemandem ein, von einem einzelnen zu verlangen, daß er "glücklich" sei - heiratet aber einer, so ist man sehr erstaunt, wenn er es nicht ist!“ (Rilke)

Ja, wunderbar, dieser Druck ist Amelie also genommen – als Teil eines Paares müsste sie glücklich sein, als Single nicht. Ist sie es aber, irritiert sie die Umwelt erneut.

Es stimmt, eine Partnerschaft kann uns im günstigsten Fall sehr viel geben, dennoch sind wir aufgefordert, auch allein für unsere Zufriedenheit zu sorgen - jeder für sich. Kein Partner kann einen inneren Mangel auf Dauer auffüllen, selbst wenn es eine Weile so zu sein scheint. Nach der Phase der ersten Verliebtheit folgt immer die Erkenntnis, dass ein Paar aus zwei Individuen besteht.

„Ein Miteinander zweier Menschen ist eine Unmöglichkeit und, wo es doch vorhanden scheint, eine Beschränkung, eine gegenseitige Übereinkunft, welchen einen Teil oder beide Teile ihrer vollsten Freiheit und Entwicklung beraubt.“ (Rilke)

Wir müssen diese Gedanken Rilkes aus einem Brief an Emanuel von Bodmann im Jahre 1901 nicht nachvollziehen können. Wer sich jedoch damit auseinandersetzt, der wird vielleicht - wenn er tief genug in sich hineinhorcht - erkennen, dass das Dasein als Single durchaus seine Reize hat. Die Freiheit sich selbst ungehindert zu entwickeln und in höchstem Maße flexibel auf das Leben reagieren zu können, lässt sich im ganzen Ausmaß wohl nur in einer Zeit als Single leben.

Wenn Amelie eines Tages den Luxus der uneingeschränkten Freiheit und Entwicklung ausgekostet hat, kann Valentin in ihr Leben treten, das wäre bestimmt wundervoll, ABER es wäre für sie ebenso schön, wenn sie noch eine Weile allein bliebe in ihrer Liebe zu sich selbst.

Zur Autorin
Dörte Kromer von Baerle, geb. im April 1965, 2 erwachsene Kinder, arbeitet seit 2006 als Coach und Psychologische Beraterin für Einzelpersonen.

Ihre Schwerpunkte:
Beziehungen und ihre Verstrickungen jeglicher Art im zwischenmenschlichen Bereich:
o    Beziehung zu sich selbst,
o    Beziehungen in Freundschaften, im Bekanntenkreis, im Arbeitsalltag und in der Partnerschaft

Dörte Kromer von Baerle hat im Laufe der Jahre und aufgrund ihrer Erfahrungen mit zahlreichen Klienten ihre eigene Arbeitsweise entwickelt, die sich nicht nach starren Methoden richtet, sondern ganz individuell, intuitiv auf die persönlichen Bedürfnisse eines jeden Klienten abgestimmt ist.
Zitat: „Es ist mir ein großes Anliegen mit einer Mischung aus Knowhow und Leidenschaft, Menschen mit ihren Lebensgeschichten, mit ihren Träumen und ihrer Art zu denken, zu begegnen und unterstützend einen Teil ihres Weges mit ihnen gemeinsam zu gehen.“

Foto:Dörte von Kromer

www.beratung-kromer.de
 



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