Genussreisen in Bayern

Die fränkisch-schwäbischen Reichsstädte bieten attraktive Überraschungen

Rothen­burg, Dinkels­bühl und Nördlin­gen haben eine prä­gende his­torische Gemein­samkeit: ihre wirtschaftliche Stärke und Bedeu­tung haben diese Städte nach den Ver­heerun­gen des im Mai 2018 genau 400 Jahren aus­ge­broch­enen 30-jähri­gen Kriegs und der Ver­lagerung der Waren­ströme in die großen Hafen­städte nahezu voll­ständig ver­loren.

Dadurch blieb das mit­te­lal­ter­liche Ensem­ble der Alt­städte über Jahrhun­derte erhal­ten, wurde im 19. Jahrhun­dert durch Maler wieder­ent­deckt und als touris­tis­che Attrak­tion immer mehr wahr genom­men.

Eine weit­ere Gemein­samkeit haben diese Städte: sie liegen an Deutsch­lands bekan­ntesten und beliebtesten Ferien­straße, der Roman­tis­chen Straße. Sie führt von Füssen im All­gäu nach Würzburg, seit 1950 spricht dieses Marken­ze­ichen für Natur- und Kul­tur­genuss. Inzwis­chen wird diese ca. 500 km lange Straße durch einen aus­geschilderten Rad­fer­n­weg und durch einen Wan­der­weg ergänzt (www.romantischestrasse.de). Tägliche Busverbindun­gen von April bis Okto­ber zwis­chen Frank­furt und München und retour ent­lang der Roman­tis­chen Straße sind online buch­bar unter www.romanticroadcoach.de.

Rothen­burg ob der Tauber (Foto oben) ist welt­bekan­nt für seine mit­te­lal­ter­liche, von ein­er gut erhal­te­nen Stadt­mauer umgren­zte Alt­stadt und ist allein schon deshalb und auf­grund sein­er schö­nen Lage am lieblichen Tauber­tal immer wieder einen Besuch wert. Auf einem 4 km lan­gen Rundweg um die his­torische Alt­stadt lässt sich das Zusam­men­spiel von mit­te­lal­ter­lich­er Stadt­be­fes­ti­gung, Land­schaftspanora­ma und Natur erleben. 40 unter­schiedliche Türme bzw. Tor-Türme säu­men diesen Rundweg und „erzählen“ ihre Geschichte.

Aber in Rothen­burg kann man auch Museen in ehe­ma­li­gen Klosterge­bäu­den besuchen, die umfassend auf hohem Niveau Geschichte ver­mit­teln: Das Reich­stadt­mu­se­um mit sein­er reichen Samm­lung und das Mit­te­lal­ter­liche Krim­i­nal­mu­se­um, eines der größten recht­shis­torischen Museen Europas. Eine Stadt wie Rothen­burg ob der Tauber mag noch so sehr von der Geschichte zehren, Geschichte will auch erlebt wer­den und zwar mit allen Sin­nen. Und dafür gibt es in Rothen­burg ob der Tauber reich­lich Anlässe. Zwei Mal im Jahr schla­gen über 20 His­to­rien­grup­pen das Geschichts­buch reichsstädtis­ch­er Ver­gan­gen­heit auf. Alljährlich zu Pfin­g­sten wird die Stadt vier Tage lang zur Bühne des Dreißigjähri­gen Krieges. Haut­nah erleb­bar wer­den Zelt­lager, kroat­is­che Reit­ertrup­pen, großer Heereszug sowie Kanonen­don­ner in den Gassen, wenn der Vere­in His­torisches Fest­spiel „Der Meis­tertrunk“ die Leg­ende von der sagen­haften Erret­tung Rothen­burgs im Jahre 1631 auf­führt. Das gle­ich­namige The­ater­stück ist übri­gens 2015 in den Rang des „Imma­teriellen Kul­turerbes Bay­ern“ erhoben wor­den. Inter­esse an Kartenbestel­lung: siehe www.meistertrunk.de.

Jew­eils am ersten Sep­tem­ber­woch­enende ent­führen 24 His­to­rien­grup­pen zu den Rothen­burg­er Reichsstadt-Fest­ta­gen in die reichsstädtis­che Ver­gan­gen­heit Rothen­burgs von 1274 bis 1802: Rit­ter­lager vor den Toren der Stadt, fahren­des Volk, Händler, Bauern­haufen und königlich­er Hof­s­taat ent­führen mit far­ben­fro­hen Gewän­dern und bun­ten Insze­nierun­gen auf gle­icher­maßen unter­halt­same wie anschauliche Weise in die Ver­gan­gen­heit. Zwei große Feuer­w­erke und öffentliche The­at­er­auf­führun­gen auf dem Mark­t­platz run­den das Spek­takel auf ein­drucksvolle Weise ab.

Rothen­burg ob der Tauber atmet auf Schritt und Tritt durch die kopf­stein­bepflasterten, heimeli­gen Gassen Geschichte. So auch Weingeschichte. Seit dem frühen Mit­te­lal­ter ist der Weinan­bau bezeugt und auch heute noch gibt es einen Winzer­be­trieb, der neben Wein­proben auch Wein­bergs­führun­gen an den Tauber­hang anbi­etet.

Als südlich­ste Weinan­bau­fläche Frankens gibt es natür­lich auch ein fün­ftägiges Wein­fest, alljährlich Mitte August das Rothen­burg­er Wein­dorf. Dem hohen Qual­ität­sanspruch des Wein­dorfs verpflichtet ist auch die 2015 begrün­dete weinkuli­nar­ische Ini­tia­tive von 10 Rothen­burg­er Gas­tronomen unter dem Siegel „Genießen ob der Tauber“. Genießen ob der Tauber ste­ht für gelebte Region­al­ität, gle­icher­maßen bei der Herkun­ft der Zutat­en wie bei der Zubere­itung der Speisen. Ziel ist stets dem Gau­men des Gastes die saisonale Vielfalt der fränkischen Küche in kuli­nar­isch­er Ver­mäh­lung mit dem Franken­wein nahe zu brin­gen.

Neugierig gewor­den? Dann pro­bieren Sie doch in einem der Part­ner­be­triebe das „Fränkische Ver­sucher­le“: Dieses Amuse-bouche bietet jew­eils zu drei kleinen Vor­speisen drei passende Gläs­er Franken­wein eine per­fek­te Reise durch die Vielfalt des Franken­weins. Kosten je Per­son nur 20 € und das in jedem der zehn Part­ner­be­triebe, Vorbestel­lung erbeten.

Dinkels­bühl ist weniger bekan­nt, aber genau­so attrak­tiv wie Rothen­burg.  Anders als in Rothen­burg fie­len im Zweit­en Weltkrieg in Dinkels­bühl keine Bomben. Die Stadt­mauer und die his­torischen Mark­t­plätze mit ihren repräsen­ta­tiv­en Patrizier­häusern blieben erhal­ten. Völ­lig nachvol­lziehbar ist die Wahl zur „Schön­sten Alt­stadt Deutsch­lands“ durch die Zeitschrift „Focus“. Die prächtige Alt­stadt mit ihrem erhabenen Mün­ster bietet zahlre­iche attrak­tive Wein­stuben und Brauereigast­stät­ten.

Mit­te­lal­ter­lich­es Ambi­ente und fränkisch­er Frohsinn prä­gen im Spät­som­mer das Stadt­fest „Leben in ein­er alten Stadt“. In den malerischen Innen­höfen, Straßen und Gassen erleben die Besuch­er Mark­t­treiben von ehe­dem und tra­di­tionelles Handw­erk gar­niert mit Genüssen aus Küche und Keller sowie selb­stver­ständlich viel Musik. Zu den Höhep­unk­ten zählen dabei die Auftritte der Schwe­denpfeifer und Fah­nen­schwinger sowie der Dinkels­büh­ler Knabenkapelle. Mitte Juli find­et das tra­di­tion­sre­iche Heimat­fest „Kinderzeche“ statt. Hin­ter­grund des his­torischen Spiels ist der Dreißigjährige Krieg. 1632 wurde Dinkels­bühl von schwedis­chen Trup­pen belagert und der katholis­che Rat der Stadt von den Erober­ern im Namen Gus­tav Adolfs abge­set­zt. Der Über­liefer­ung nach war es das beherzte Ein­greifen der Türm­er­stochter Lore, das die Stadt vor Plün­derung und Brand­schatzung bewahrte. Zusam­men mit den Kindern Dinkels­bühls zog sie dem Feind ent­ge­gen und erwe­ichte das Herz der schwedis­chen Krieger. Zum Dank an ihre Kinder feiert die Stadt noch heute alljährlich im Juli die “Kinderzeche“ mit Fest­spiel, his­torischem Festzug, vie­len weit­eren Ver­anstal­tun­gen und einem großen Volks­fest. Dabei ist ganz Dinkels­bühl auf den Beinen und außer Rand und Band.

Die „Sch­necken­nudeln“, eine Dinkels­büh­ler Spezial­ität, wer­den mit­tler­weile zwar auch außer­halb der „fün­ften Jahreszeit“, der Kinderzeche, ange­boten, doch gehören sie ure­igentlich zu diesem som­mer­far­ben strahlen­den Fest. Das Auf und Ab in 800 Jahren Stadt­geschichte wird greif­bar lebendig im „Haus der Geschichte Dinkels­bühl – von Krieg und Frieden“, allabendlich wird ein kosten­los­er Rundgang mit dem Nachtwächter ange­boten. Die Stadt liegt in ein­er idyl­lis­chen Wei­her- und Flus­sland­schaft, hier hat die Teich­wirtschaft eine lange Tra­di­tion, Dinkels­büh­ler Karpfen sind für ihre hohe kuli­nar­ische Qual­ität berühmt.

Nördlin­gen ist durch seine voll­ständig erhal­tene, voll bege­hbare 2,5 km lange Stadt­mauer und seinen kreis­run­den Stadt­grun­driss bekan­nt. Die St.-Georgskirche mit seinem 90 m hohen Turm “Daniel” über dem West­por­tal, eine spät­go­tis­che Hal­lenkirche,  ist  beson­ders ein­drucksvoll. Der Höhep­unkt hier ist die Bestei­gung dieses Turms. Oben empfängt die Besuch­er ein sym­pa­this­ch­er Türmer (ein­er der bei­den noch in Deutsch­land haupt­beru­flich täti­gen Turmwächter, der andere arbeit­et in Mün­ster) mit sein­er drei­far­bigen Glück­skatze „Wen­del­stein“. Vom Turm bietet  sich ein ein­drucksvoller Blick auf die Stadt und das von einem Aster­oiden kreis­rund geformte Ries.

Vier bedeu­tende Museen bietet die Stadt: Das Stadt­mu­se­um: eine abwech­slungsre­ich präsen­tierte Samm­lung zeigt auf vier Stock­w­erken die bewegte Geschichte der ehe­mals Freien Reichsstadt Nördlin­gen. Han­del und Messe, Zun­ft und Handw­erk sowie die Gerichts­barkeit in der mit­te­lal­ter­lichen Stadt wer­den durch Orig­i­nalob­jek­te illus­tri­ert. Ein Schw­er­punkt ist die Geschichte des 30-jähri­gen Krieges und die Schlacht bei Nördlin­gen 1634. — Das Stadt­mauer­mu­se­um: in dem 1379 fer­tig gestell­ten Löpsinger Tor­turm wurde 1987 ein Wehrkun­de­mu­se­um von über­re­gionaler Bedeu­tung eröffnet, das die Geschichte von Deutsch­lands einziger erhal­tener Vertei­di­gungsan­lage mit voll bege­hbarem Wehrgang (2.632 Meter) zeigt.

Das RiesKrater Muse­um: Vor rund 15 Mil­lio­nen Jahren kol­li­dierte ein etwa 1 km großer Aster­oid mit ein­er Geschwindigkeit von ca. 70.000 km/h mit der Erde. Bei sein­er Explo­sion, die die Energie mehrerer 100.000 Hiroshi­ma-Bomben freiset­zte und alles Leben im Umkreis von 100 km ver­nichtete, ent­stand, einge­senkt in die heutige Alb­hochfläche, ein Krater: das heutige Nördlinger Ries. Neben der fast kreis­run­den, im Durchmess­er etwa 25 km großen Krater­struk­tur wur­den beim Ein­schlag u. a. neue Gesteine wie der Sue­vit, ver­schiedene Hochdruck­min­erale und sog­ar Dia­man­ten gebildet.  Zahlre­iche, teils spek­takuläre Orig­i­nal­ex­ponate (Impak­t­gesteine, Mete­oriten, echt­es Mondgestein, Fos­silien…), Abbil­dun­gen, Texttafeln, Filme sowie inter­ak­tive Medi­en brin­gen Fak­ten und Dimen­sio­nen näher. In anschaulich­er, für Laien ver­ständlich­er, aber auch für Fach­leute inter­es­san­ter Weise wird das kos­mol­o­gis­che, plan­e­tol­o­gis­che und geol­o­gis­che Umfeld des Ereigniss­es erk­lärt und seine bis heute fortwirk­enden und sicht­baren ökol­o­gis­chen und ökonomis­chen Fol­gen gezeigt.

Das Bayrische Eisen­bah­n­mu­se­um:  Es befind­et sich in den Hallen des ein­sti­gen Lokde­pots der Königlich Bay­erischen Staats­bahn im östlichen Bere­ich des Bahn­hofs von Nördlin­gen. Über ein­hun­dert Orig­i­nal­fahrzeuge sind hier aus­gestellt, davon allein 25 Dampfloko­mo­tiv­en — vom kleinen Rang­ier­bock­erl bis zur ele­gan­ten Schnel­lzu­glok. Mit seinen funk­tion­ieren­den Anla­gen und Werk­stät­ten ver­mit­telt das Muse­um das beson­dere Flair der Eisen­bahn früher­er Jahre. — Seit August 2010 find­et in Nördlin­gen das  Cit­taslow-Fest statt. Genießen und erleben ist das Mot­to der über­aus gelun­genen Feste für Geschmack, Kul­tur und Gast­fre­und­schaft. Das näch­ste Fes­ti­val find­et vom 17. bis 19. August 2018 statt, an diesem Woch­enende gemein­sam mit dem Schwaben­tag 2018. Die Region­al­ität, das bewusste Erleben, der sin­nvolle Umgang mit der Zeit und vieles mehr ste­hen im Vorder­grund. Auch hier und während der „Nördlinger Mess“ Anfang Juni wird von Tra­di­tionsvere­inen an die Geschichte der Zeit des 30-jähri­gen Kriegs erin­nert.

Die weniger bekan­nte frühere Reichsstadt Bad Wind­sheim über­rascht durch ein ganz beson­deres Badeer­leb­nis: die Franken-Therme bietet durch ihren gesät­tigten Solege­halt ein dur­chaus mit dem Toten Meer ver­gle­ich­bares Schwe­beer­leb­nis. In unmit­tel­bar­er Nähe zur Therme befind­en sich mehrere Hotels (u.a. das Vital­Ho­tel an der Therme mit einem Bade­man­tel­gang zur Therme). Zwis­chen den Franken-Ther­men und dem his­torischen, bere­its vor 1275 Jahren urkundlich erwäh­nte Stadtk­ern liegt der 110 Jahre alte, 36 Hek­tar große Kur­park, der zudem mit einem denkmalgeschützten Anteil von 25,7 Hek­tar der größte dieser Art in Bay­ern ist.

Und eine weit­ere beson­dere Attrak­tion ist in Bad Wind­sheim zu find­en: Das Fränkische Frei­land­mu­se­um (Foto). Hier wur­den abge­baute denkmalgeschützte Gebäude aus Franken wieder aufge­baut. Ein Rundgang durch das Fränkische Frei­land­mu­se­um ist wie eine Zeitreise durch 700 Jahre fränkische All­t­ags­geschichte: über 100 Gebäude, weit­ge­hend orig­i­nal­ge­treu ein­gerichtete Bauern­höfe, Handw­erk­er­häuser, Mühlen, Brauereien, Schäfer­eien, ein Amt­shaus, Schul­haus und Adelss­chlöss­chen sowie Sche­unen, Ställe, Back- und Dör­rhäuschen laden ein zur Ent­deck­ungsreise in die Ver­gan­gen­heit und ver­mit­teln, wie die ländliche Bevölkerung in Franken in früheren Zeit­en gebaut, gewohnt und gear­beit­et hat. Die Häuser ste­hen in sechs Bau­grup­pen, die nach Regio­nen und The­men ange­ord­net sind. So hat man bei einem Rundgang durch das Muse­ums­gelände das Gefühl, von Dorf zu Dorf wie früher zu wan­dern. Beson­ders inter­es­sant: die Bau­gruppe Mit­te­lal­ter sowie die Bau­gruppe Stadt mit­ten in der Alt­stadt von Bad Wind­sheim, mit der Spitalkirche, dem Alten Bauhof, der Kräuter-Apotheke.

Lieb­haber tra­di­tionell gebraut­en, fränkischen Bieres müssen in Bad Wind­sheim keine lan­gen Wege gehen. Alleine vier his­torische Gast­stät­ten und Keller laden im Fränkischen Frei­land­mu­se­um zu einem Umtrunk in uriger Atmo­sphäre ein. Dort ste­ht auch das älteste, im Betrieb befind­liche Brauhaus der Welt. Es wird von der Bad Wind­sheimer Bürg­er­bräu wie auch die zweite his­torische Braustätte im Muse­um, das Kom­munbrauhaus, betrieben. Jedes Jahr kann am Tag des Bieres das Bier­brauen wie anno dazu­mal bestaunt wer­den. Mit­ten in der his­torischen Alt­stadt Bad Wind­sheims find­en sich Gasthaus und die Klein­brauerei der Fam­i­lie Döbler.

Autoren: Jörg Raach/Julia Kratzer
Fotos: Jörg Raach, Fränk. Frei­land­mu­se­um, Erg­er­sheim