Avantgarde. Max Liebermann und der Impressionismus in Deutschland

Neue Ausstellung im Museum Baberini Potsdam | 28. Februar bis 7. Juni 2026

Max Lieber­mann war der Weg­bere­it­er der ersten kün­st­lerischen Avant­garde in Deutsch­land. Mit seinem frühen und rich­tungs-weisenden Blick nach Frankre­ich leit­ete er eine Erneuerung der Malerei ein, die den deutschen Impres­sion­is­mus nach­haltig prägte. Avant­garde. Die Ausstel­lung Max Lieber­mann und der Impres­sion­is­mus in Deutsch­land zeigt vom 28. Feb­ru­ar bis 7. Juni 2026 im Muse­um Bar­bei­ni in Pots­dam anhand von über 110 Werken aus mehr als 60 inter­na­tionalen Samm­lun­gen ein­drucksvoll die Entwick­lung des Impres­sion­is­mus in Deutsch­land in sein­er ganzen Band­bre­ite.

Im Zen­trum ste­ht Lieber­mann in seinen Rollen als Kün­stler, Samm­ler und Präsi­dent der Berlin­er Seces­sion, der entschei­dende Impulse für die Inter­na­tion­al­isierung des deutschen Kun­st­be­triebs gab. Zugle­ich macht die Ausstel­lung sicht­bar, wie eine neue Gen­er­a­tion von Malerin­nen und Malern – inspiri­ert von der franzö­sis­chen Mod­erne – The­men wie pulsierende Stad­tan­sicht­en, Freizeit- und Natur­darstel­lun­gen, Kinder­por­traits und The­ater­szenen kün­st­lerisch weit­er-entwick­elte. Neben Schlüs­sel­w­erken von Max Lieber­mann, Lovis Corinth, Max Slevogt und Fritz von Uhde wer­den auch Arbeit­en weit­er­er bedeu­ten­der und neu zu ent­deck­ender Kün­st­lerin­nen und Kün­stler gezeigt, darunter Philipp Franck, Dora Hitz, Got­thardt Kuehl, Sabine Lep­sius, Maria Slavona und Less­er Ury.

 

Der Blick nach Frankreich

Max Lieber­mann set­zte sich über die engen Vorstel­lun­gen der kaiser­lichen Kun­st-poli­tik hin­weg und wurde um 1900 zum Vor­bild für viele Kün­st­lerin­nen und Kün­stler in Deutsch­land. Als Präsi­dent der Berlin­er Seces­sion und der Preußis­chen Akademie der Kün­ste trug er maßge­blich zur Inter­na­tion­al­isierung des Kun­st­be­triebs bei. Früh sam­melte er Werke franzö­sis­ch­er Impres­sion­is­ten, die für ihn den Maßstab zeit­genös­si-sch­er Kun­st darstell­ten, und beri­et den dama­li­gen Direk­tor der Nation­al­ga­lerie in Berlin, Hugo von Tschu­di, bei dessen Ankäufen in Paris.

Der Blick nach Frankre­ich spielte für die Entwick­lung des Impres­sion­is­mus in Deutsch­land von Beginn an eine entschei­dende Rolle. Die im Frankre­ich der 1860er Jahre ent­standene Malerei faszinierte durch kräftig leuch­t­ende Far­ben und eine ener­gis­che, skizzen­hafte Pin­selführung. Neben Lieber­mann bezo­gen zahlre­iche weit­ere Malerin­nen und Maler ihre Inspi­ra­tion aus den Werken ihrer franzö­sis­chen Kol­le­gen. Auf Reisen nach Paris set­zten sie sich inten­siv mit der franzö­sis­chen Mod­erne auseinan­der. Motivisch eröffnete sich dabei ein bre­ites Spek­trum – von son­nen­durch­fluteten Land­schafts­darstel­lun­gen und stim­mungsvollen Fig­uren­bildern bis hin zu sorgfältig arrang­ierten Stil­lleben.

Die erste Präsen­ta­tion franzö­sis­ch­er Impres­sion­is­ten in Deutsch­land fand 1883 in Berlin statt: In der Galerie Fritz Gurlitt wur­den 16 Gemälde von Édouard Manet, Claude Mon­et, Camille Pis­sar­ro und Alfred Sis­ley gezeigt, darunter zehn Werke aus dem Besitz des Samm­ler­paars Carl und Feli­cie Bern­stein. In den 1890er Jahren fol­gten Ausstel­lun­gen in München und Weimar. Um die Jahrhun­der­twende präsen­tierten die Berlin­er Seces­sion und die Galerie Paul Cas­sir­er regelmäßig Werke wie Mon­ets Impres­sion. Son­nenauf­gang oder Manets Früh­stück im Grü­nen – Bilder, die in Frankre­ich selb­st noch als skan­dalös gal­ten. In Deutsch­land wurde der Impres­sion­is­mus schnell als Avant­garde-Strö­mung anerkan­nt und galt als Wider­stand gegen die nation­al geprägte Kun­st­poli­tik des Kaisers.

Während Hugo von Tschu­di bere­its früh wichtige Werke der franzö­sis­chen Mod­erne für die Nation­al­ga­lerie erwarb, baute Lieber­mann eine bedeu­tende pri­vate Samm­lung auf, die Gäste in sein­er Vil­la am Wannsee bewun­dern kon­nten. Ab 1909 legte er dort einen aufwendig gepflegten Garten an, dessen leuch­t­ende Blüten­pracht zum zen­tralen Motiv seines späten impres­sion­is­tis­chen Schaf­fens wurde – ver­gle­ich­bar mit Claude Mon­ets Garten in Giverny.

 


Less­er Ury, Hochbahn­hof Bülow­straße, 1922 Öl auf Lein­wand,
70 × 100,5 cm Pri­vat­samm­lung Süd­deutsch­land

 

Zwischen Rezeption und Eigenständigkeit

Die von Frankre­ich aus­ge­hen­den Impulse grif­f­en deutsche Kün­st­lerin­nen und Kün­stler nach 1900 auf und entwick­el­ten dabei eine eigen­ständi­ge Bild­sprache. Ihr Augen­merk richtete sich zunehmend auf die soziale Dimen­sion der Kun­st. Sie mal­ten fortschrit­tliche Sozialein­rich­tun­gen wie hol­ländis­che Waisen­häuser und nah­men die neuesten Strö­mungen der Reform­päd­a­gogik in ihre Werke auf. Zugle­ich legten sie Wert auf das Nar­ra­tiv und bewahrten eine erzäh­lerische Form der Darstel­lung.

Neben licht­durch­fluteten Land­schaften wid­me­ten sich die Impres­sion­is­ten in Deutsch­land nächtlichen Stad­tan­sicht­en, erhellt durch mod­erne elek­trische Beleuch­tung. Sie the­ma­tisierten gesellschaftliche Span­nun­gen sowie die Anonymität des Großs­tadtlebens. Dabei offen­barte sich eine ambiva­lente Sicht auf die Metro­pole zwis­chen dynamis­chem Kul­tur­raum und Ort emo­tionaler Belas­tung. Fortschritts­begeis­terung traf auf düstere Visio­nen der Urban­isierung. So zeigen sich in der impres­sion­is­tis­chen Malerei Deutsch­lands bere­its Züge des späteren Expres­sion­is­mus.

Die prä­gende Bedeu­tung des The­aters um 1900 als Erleb­nis­raum von Emo­tio­nen spiegelte sich auch in der deutschen Avant­garde-Malerei. Die Kün­stler set­zten sich mit dem Bild-typus des Rol­len­por­traits auseinan­der und ver­liehen ihren Bildern mit impres­sion­is­tis­chem Pin­sel­duk­tus eine vib­ri­erende Dra­matik. Diese Kom­po­si­tio­nen waren auch ein Res­o­nanzraum der zeit­gle­ichen Neuerun­gen im drama­tis­chen Werk und im mod­er­nen Tanz. Daneben insze­nierten die Maler bib­lis­che Geschicht­en wie Sim­son und Delila als Aus­druck des Geschlechterkampfs, der im Zug der Emanzi­pa­tions­be­we­gung an Brisanz gewann.

 


Max Lieber­mann, Bier­garten „De Oude Vink“ bei Lei­den, 1905
Öl auf Lein­wand, 71 × 88 cm, Kun­sthaus Zürich 

 

Ein neuer Blick auf den Impressionismus in Deutschland

Mit über 110 Werken aus mehr als 60 inter­na­tionalen Samm­lun­gen wid­met das Muse­um Bar­beri­ni dem Impres­sion­is­mus in Deutsch­land eine der bis­lang umfan­gre­ich­sten Auss­tel-lun­gen. Neben kanon­is­chen Posi­tio­nen wie Max Lieber­mann, Lovis Corinth, Max Slevogt und Fritz von Uhde präsen­tiert die Schau auch Arbeit­en weniger bekan­nter Kün­stler, darunter Philipp Franck, Friedrich Kall­mor­gen, Got­thardt Kuehl, Chris­t­ian Lan­den­berg­er, Hein­rich Eduard Linde-Walther, Franz Skarbina, Less­er Ury und Max Uth.

Ein beson­der­er Fokus liegt auf dem lange ver­nach­läs­sigten Beitrag von Kün­st­lerin­nen zur Entwick­lung des deutschen Impres­sion­is­mus. Gezeigt wer­den Werke von Char­lotte Berend-Corinth, Emi­lie von Halla­vanya, Dora Hitz, Sabine Lep­sius und Maria Slavona. Sie behaupteten sich bere­its im kon­ser­v­a­tiv­en Kaiser­re­ich kün­st­lerisch und ermöglichen heute ein erweit­ertes Ver­ständ­nis der Bewe­gung. Ein weit­er­er neuer Aspekt ist der Blick auf die Anre­gun­gen, die deutsche Kün­st­lerin­nen und Kün­stler in Frankre­ich erhal­ten haben und wie sie diese Impulse in ihre Malerei umset­zen.

Die Lei­h­gaben stam­men aus bedeu­ten­den deutschen und inter­na­tionalen Samm­lun­gen, darunter die Alte Nation­al­ga­lerie Berlin, das Albert­inum, Staatliche Kun­st­samm­lun­gen Dres­den, das Folk­wang Muse­um Essen, das Städel Muse­um Frank­furt, die Neue Pinakothek München, das Museo Nacional Thyssen-Borne­misza Madrid, das Musée d’Orsay Paris und das Belvedere Wien. Mit Werken von über zwanzig Kün­st­lerin­nen und Kün­stlern zeigt die Ausstel­lung die Vielfalt des deutschen Impres­sion­is­mus und span­nt einen chrono­lo-gis­chen Bogen von den 1880er bis in die 1930er Jahre. Sie beleuchtet die von Frankre­ich aus­ge­hen­den Impulse und ihren Res­o­nanzraum vor und nach dem Ersten Weltkrieg.

Tech­nis­ch­er Fortschritt, gesellschaftliche Mod­ernisierung und neue Mobil­ität ermöglicht­en eine bish­er unbekan­nte kün­st­lerische Frei­heit. Der unter freiem Him­mel entwick­elte Mal­stil des Impres­sion­is­mus spiegelt mit seinen Stad­tan­sicht­en, Freizeit- und Natur­darstel­lun­gen exem­plar­isch diese Epoche der kün­st­lerischen Neuerung wider.

 

Liebermanns Vermächtnis

Die Ausstel­lung würdigt Max Lieber­mann nicht nur als zen­tralen Kün­stler, son­dern auch als Samm­ler, Ausstel­lungs­mach­er und Men­tor. Als Präsi­dent der Berlin­er Seces­sion war er im erzkon­ser­v­a­tiv­en Kaiser­re­ich eine mutige Stimme für Inter­na­tion­al­ität und kün­st­lerische Erneuerung. Für sein Wirken wurde er 1889 auf der Paris­er Weltausstel­lung mit ein­er Ehren­medaille aus­geze­ich­net und in die Société des Beaux-Arts aufgenom­men; 1896 fol­gte die Auf­nahme in die franzö­sis­che Ehren­le­gion.

Lieber­mann starb zwei Jahre nach der Machtüber­tra­gung an die Nation­al­sozial­is­ten, die der mod­er­nen Malerei in Deutsch­land ein abruptes Ende set­zten. Seine Witwe Martha Lieber­mann beg­ing 1943 wenige Tage vor der geplanten Depor­ta­tion nach There­sien­stadt Suizid; Tochter Käthe und Enke­lin Maria waren bere­its 1938 in die USA geflo­hen.

Lieber­manns Samm­lung franzö­sis­ch­er Impres­sion­is­ten ist heute inter­na­tion­al ver­streut, während seine Vil­la am Wannsee als bedeu­ten­des kul­turelles Ver­mächt­nis und poli­tis­ches Mah­n­mal erhal­ten bleibt.

 

Internationale Impressionismus-Reihe im Museum Barberini

Das Muse­um Bar­beri­ni zeigt mit der Samm­lung Has­so Plat­tner dauer­haft 115 impres­sio­n­is-tis­che und postim­pres­sion­is­tis­che Werke und wid­met sich in seinem Pro­gramm auch dem inter­na­tionalen Impres­sion­is­mus. 2020 präsen­tierte das Muse­um die Ausstel­lung Impres­sion­is­mus in Rus­s­land. Auf­bruch zur Avant­garde, 2023 fol­gte Wolken und Licht. Impres­sion­is­mus in Hol­land.

Eine Ausstel­lung zum Impres­sion­is­mus in Deutsch­land in dieser Rei­he zu zeigen, eröffnet die Möglichkeit, die Werke unser­er eige­nen Kun­st­geschichte mit frischem Blick in einem inter­na­tionalen Kon­text zu betra­cht­en. Wir wün­schen unseren Besucherin­nen und Besuch­ern viel Freude und Inspi­ra­tion beim Ein­tauchen in die leuch­t­en­den Bild­wel­ten von Max Lieber­mann und seinen Mit­stre­i­t­erin­nen und Mit­stre­it­ern – Bilder, die ein­drucksvoll die hohe malerische Qual­ität und die emo­tionale Aus­druck­skraft des Impres­sion­is­mus in Deutsch­land sicht­bar machen“, sagt Ortrud Wes­t­hei­der, Direk­torin des Muse­ums Bar­beri­ni und Ausstel­lungsku­ra­torin.

Wir freuen uns sehr, nach der erfol­gre­ichen Zusam­me­nar­beit bei Impres­sion­is­mus in Rus­s­land gemein­sam mit dem Muse­um Bar­beri­ni dieses Pro­jekt zu real­isieren. Die über­wälti­gende Res­o­nanz in Baden-Baden hat ein­drucksvoll gezeigt: Max Lieber­mann und der deutsche Impres­sion­is­mus sind The­men, die auch heute nichts von ihrer Kraft und Rel­e­vanz ver­loren haben“, so Daniel Zamani, Kün­st­lerisch­er Direk­tor des Muse­um Frieder Bur­da.

Die Ausstel­lung und der beglei­t­ende Kat­a­log gin­gen aus einem wis­senschaftlichen Sym­po­sium her­vor, das am 11. Dezem­ber 2024 im Muse­um Bar­beri­ni stat­tfand. Sie ent­stand in Koop­er­a­tion mit dem Muse­um Frieder Bur­da, Baden-Baden, und war dort vom 3. Okto­ber 2025 bis 8. Feb­ru­ar 2026 zu sehen. Die Ausstel­lung ste­ht unter der Schirmherrschaft von Bun­de­spräsi­dent Frank-Wal­ter Stein­meier.

 

Ausstellungen zum Impressionismus in Deutschland 2026 in in Berlin und Potsdam

Im Laufe des Jahres wid­men sich nicht nur das Muse­um Bar­beri­ni in Pots­dam, son­dern auch die Berlin­is­che Galerie, die Alte Nation­al­ga­lerie sowie die Lieber­mann-Vil­la am Wannsee in mehreren Ausstel­lun­gen dem deutschen Impres­sion­is­mus. Dabei rück­en sie zen­trale Kün­stler­per­sön­lichkeit­en wie Max Lieber­mann, Max Slevogt und Lovis Corinth eben­so in den Fokus wie die Net­zw­erke von Samm­lern, Galeris­ten und Kri­tik­ern, die den Durch­bruch der Mod­erne begleit­eten und förderten.

 

Update 9. Juni 2026: Mit 138.054 Besuchen sei die Ausstel­lung Avant­garde. Max Lieber­mann und der Impres­sion­is­mus in Deutsch­land nach 14 Wochen erfol­gre­ich zu Ende gegan­gen, so das Bar­beri­ni. Die Schau verze­ich­nete durch­schnit­tlich mehr als 1.600 Besucherin­nen und Besuch­er pro Tag und zählt damit zu den erfol­gre­ich­sten Ausstel­lun­gen in der Geschichte des Muse­ums Bar­beri­ni. Im Ver­gle­ich zu anderen Pub­likum­ser­fol­gen des Haus­es erre­ichte sie ein ähn­lich hohes Besuch­sniveau bei ein­er deut­lich kürz­eren Laufzeit.

 

Titelfo­to: Max Lieber­mann, Freis­tunde im Ams­ter­damer Waisen­haus, 1881/82, Öl auf Lein­wand, 78,5 × 107,5 cm, Städel Muse­um, Frank­furt am Main, Eigen­tum des Städelschen Muse­ums-Vere­ins e. V.