Ihre Harfenmusik gleitet wie ein Sonnenstrahl übers Wasser

Ihre Harfe klingt nicht ein­fach – sie ent­fal­tet sich. Wenn die Fin­ger­spitzen von Silke Aich­horn die Sait­en berühren, bre­it­et sich der Ton aus. Ein Auf­blühen von Schwingung. Schein­bar müh­e­los wie ein Son­nen­strahl, der über eine Wasser­ober­fläche gleit­et. Stets mit feinem Nach­hall, wie bei ein­er Erin­nerung.

Silke Aich­horn gehört zu den außergewöhn­lich­sten Har­fen-Solistin­nen der Welt. Kaum eine Har­fenistin hat das Reper­toire ihres Instru­ments so kon­se­quent erweit­ert wie sie. Anfang des Jahres startete sie die „Harpchal­lenge“ auf Social Media: 365 Tage lang postet sie täglich ein neues Har­fen-Stück.

Mehr Hochleistungssportlerin als Elfenwesen

Die musikalis­che Magie, die in Silke Aichhorn‘s Konz­erten entste­ht, ist nicht zufäl­lig so einzi­gar­tig verza­ubernd. Sie hat diese lange vor­bere­it­et – über Jahre, über Entschei­dun­gen, über Diszi­plin und noch größer­er Lei­den­schaft für eines der ältesten Instru­mente der Men­schheit. Denn eine Harfe zu spie­len, wie sie es kann, ist hart und unbe­quem. Und erfordert Vir­tu­osität.

Sie über­rascht, weil diese Vir­tu­osität kaum jemand erwartet hat. Mal füllt sie den Raum mit Freude, mal mit Dra­matik, Spritzigkeit, Besinnlichkeit oder Lebenslust. Im Klas­sik-Stil genau­so wie swin­gend oder jazz­ig. Silke Aich­horn ist Har­fen-Solistin. Sie gilt als eine der weltweit aktivsten. Mit beein­druck­end vielfältigem Reper­toire.

Kontrolle statt Leichtigkeit

Äußer­lich wirkt ihre Konz­ertharfe wie ein Möbel­stück. 185 Zen­time­ter hoch, 40 Kilo aus Holz, Met­all und 47 Sait­en. Es mag wie eine roman­tis­che Versenkung in die Schön­heit der Musik wirken, wenn Silke Aich­horn sie zupft. Doch das Bild kippt, sobald man mehr über ihr Har­fen­spiel erfährt. Was vielle­icht erst auf den drit­ten oder vierten Blick auf­fällt: Die Füße, sie arbeit­en. Die Ped­ale an der Unter­seite des Instru­ments sind im steti­gen Auf und Ab. Der Rück­en, der sich ver­dreht. Die Augen, die ständig suchen. „Harfe spielt man nicht intu­itiv. Es gibt nur Kon­trolle“, präzisiert Silke Aich­horn. „Man muss üben wie ein Wolf!“ Mit den Fin­gern. Mit den Füßen. Extreme Geschwindigkeit. Ped­al­be­we­gun­gen, manch­mal 40 in 12 Sekun­den. Nur dann entste­ht die Klangvielfalt, mit der Silke Aich­horn regelmäßig ihr Pub­likum verza­ubert. Erdig, tief, san­ftes Grollen aus den unteren Reg­is­tern. Fil­igrane Töne wie feine Tropfen je höher sie die Sait­en zum Sin­gen bringt.

Groß gewach­sen, von schlanker Fig­ur und mit langem, brünet­tem Haar mag sie dem Klis­chee der attrak­tiv­en Har­fenistin tat­säch­lich entsprechen. Oben­drein ist sie unglaublich boden­ständig, an- wie zupack­end und enorm humor­voll. Ersteres erleben Ver­anstal­ter und Auf­tragge­ber tagtäglich. Zu jedem ihrer Konz­erte fährt Silke Aich­horn — bis zu hun­derten von Kilo­me­tern — ganz unprä­ten­tiös ihr Instru­ment selb­st mit dem Auto vor. Den Humor schätzt vor allem ihr Pub­likum, wenn sie ihre Solo-Auftritte unter­halt­sam mod­eriert, ihre Harfe sowie ihre Erleb­nisse mit dieser amüsant kom­men­tiert. Unter dem Titel „Lebenslänglich Frohlock­en“ hat sie sog­ar zwei Büch­er mit zahlre­ichen Anek­doten gefüllt. Ein drittes ist bere­its in Arbeit. Ihre Fans wollen mehr, mehr, mehr.

Immer auf der Suche nach neuen Kompositionen

Silke Aichhorn‘s Disko­gra­phie zählt mit­tler­weile 34 CDs, zwei Büch­er und mehr als 400 Videos auf Youtube. In der inter­na­tionalen Har­fen­szene ein absolutes Alle­in­stel­lungsmerk­mal. Anfang des Jahres startete sie oben­drein die „Harpchal­lenge“ auf Social Media: 365 Tage lang postet sie täglich ein neues Har­fen-Stück. Was sim­pel klin­gen mag, ist tat­säch­lich die Erschließung von weltweit­em Neu­land. Wieder so ein typ­is­ches Marken­ze­ichen von ihr. Silke Aich­horn hat den unbe­d­ingten Willen, auf der Harfe Neues und Unbekan­ntes zu spie­len. Sie sucht sich die Noten für andere Instru­mente, tran­skri­biert sie, richtet diese auf die Harfe ein, erprobt die Spiel­barkeit. Denn: Die großen deutschen Kom­pon­is­ten – Johannes Brahms, Robert Schu­mann, Franz Schu­bert oder Joseph Haydn – haben alle keine Musik für die Harfe geschrieben. Lud­wig van Beethoven nur ein Mini-Stück, vere­inzelt gibt es Stücke von unbekan­nten Kom­pon­is­ten. Bekan­ntes stammt von den bei­den namhaften Fran­zosen Claude Debussy und Mau­rice Rav­el. „Im Frankre­ich des 19. Jahrhun­derts galt es als schick, eine Harfe im Salon ste­hen zu haben und die höheren Töchter darauf spie­len zu sehen“, erzählt Silke Aich­horn. „Die Impres­sion­is­ten liebten wie man weiß Far­bigkeit, auch die Klang­far­ben der Harfe.

Solo statt Orchestergraben

Der Logik fol­gend war es für Silke Aich­horn nie eine Option, sich einem Orch­ester anzuschließen: „Ich will nicht lange warten. Ich will spie­len“, gibt sie unumwun­den zu. „Ich will zeigen, was mein Instru­ment kann. Im Orch­ester hätte ich zu wenig zu tun, weil es nur wenig Stücke gibt. Wenn die Harfe dann mal musikalisch einge­bun­den ist, ist der Ein­satz oft nur kurz und meist nur, wenn das gesamte Ensem­ble spielt.“ Das war keine Kar­ri­ereentschei­dung im klas­sis­chen Sinn. Es war eine Geschwindigkeit­sentschei­dung. Eine Entschei­dung für die Lei­den­schaft. Für die eigene Präsenz: „Ich wollte immer nur Solo-Kün­st­lerin sein“, betont sie fest. Eine Entschei­dung, die sie auf ein Pri­vat-Konz­ert bei Papst Benedikt XVI. im Vatikan und diverse Urauf­führun­gen beim alle drei Jahre stat­tfind­en­den Welthar­fenkongress zurück­blick­en lässt.

Vom Chiemgau über Australien in den Vatikan

Hongkong, Brasilien, Japan, Aus­tralien. Welthar­fenkon­gresse. Hier trifft sich regelmäßig die Elite der inter­na­tionalen Har­fen-Szene zur Leis­tungss­chau. Im Jahr 2014 präsen­tierte Silke Aich­horn in Syd­ney ein Har­fenkonz­ert von Ernst Eich­n­er als Urauf­führung. Ein Stück von ein­er ihrer CDs. Sie hat­te es als allererste Solo-Kün­st­lerin edi­tiert und für die Harfe spiel­bar gemacht. Ähn­lich­es per­formt sie eben­falls bei den fol­gen­den Weltkon­gressen.

Doch dieses eine Jahr war ganz beson­ders: Es wartete eine über­raschende Nachricht auf ihrem Anruf­beant­worter. „Das Büro von Papst Benedikt XVI. teilte mir mit, dass der Papst sich freuen würde, mein Spiel zu hören und wann ich denn könne“, erin­nert sich Silke Aich­horn. Sie über­legte sich ein Pro­gramm, flog mit ihrem Lieblings­flötis­ten Prof. Dejan Gavric nach Rom. „Es war irre schön.“ Ihre Musik in ehrwürdi­ger Kulisse. Vatikanis­che Gärten bei Voll­mond. Schweiz­er Garde am Weges­rand. Als Geschenk brachte sie Papst Benedikt XVI. Weißwürste vom Met­zger daheim aus Traun­stein mit. Total logisch für die boden­ständi­ge Urbay­erin: „Papst Benedikt XVI. hat in Traun­stein seine Prim­iz gefeiert.

 

 

Ihr Talent wurde früh erkannt

Wer Silke Aich­horn nach ihren musikalis­chen Anfän­gen und ihrer ersten Begeg­nung mit der Harfe fragt, erfährt keine Anek­dote: „Ich deute immer nur nach oben“, sagt sie. „Die Harfe wurde für mich aus­ge­sucht.“ Sie kann es beim besten Willen nicht sagen, wie sie auf die Idee kam, dieses Instru­ment zu spie­len. Sie erin­nert sich nur: „Als ich mit zehn Jahren zu mein­er Mut­ter sagte, ich wolle spie­len, meinte sie nur, ich spinne.“ Mit knapp zwölf bekommt sie das Instru­ment endlich zu Wei­h­nacht­en. Dazwis­chen liegt kein pro­gram­miert­er Leben­s­plan, son­dern ein All­t­ag, der voll ist: Große Schwest­er in ein­er Fam­i­lie mit sechs Geschwis­tern, Helfen, Ver­ant­wor­tung, Bewe­gung. Klavier spielt sie bere­its. Sie macht Sport, singt im Chor, macht die Schülerzeitung – alles gle­ichzeit­ig, nichts halb. Nach der Wei­h­nachts­gabe läuft sie zur Musikschule in Traun­stein. Ihre Lehrerin, Pro­fes­sorin Ursu­la Lentrodt, muss nicht lange über­legen, stellt schon in der drit­ten Unter­richtsstunde fest: „Du wirst mal eine Har­fenistin.

Von Lehrerinnen und Lebenslektionen

Die Zukun­ft­saus­sicht­en, die in dieser Fest­stel­lung steck­ten, ver­hall­ten vor­erst noch. „Ich habe zu wenig geübt, hat­te zu viel Ablenkung“, geste­ht Silke Aich­horn. Ihre Begabung aber, ihr Tal­ent, set­zte sich durch. Es fol­gte die Empfehlung zum Studi­um. Sie spielt vor, wird Schü­lerin bei Chan­tal Math­ieu, zieht in die Schweiz und studiert am Con­ser­va­toire de Lau­sanne. Geld dafür hat sie nicht. Sie ver­di­ent es sich: Als Verkäuferin beim Bäck­er oder bei der Obsternte. Schnell ergat­tert sie eine Musikschul­stelle. „Ich kon­nte mich nach einem Jahr selb­st finanzieren. Mit Nach­wuchs-Unter­richt. Oder ich pack­te mein großes Instru­ment in meinen Fiat Uno, spielte abends in Hotels. Jede Woche hat­te ich mehrere Konz­erte.“ Nicht nur von diesen Erin­nerun­gen zehrt Silke Aich­horn noch heute: „So habe ich mir schnell ein großes Reper­toire raufgeschafft.

Unvergessen blieb auch, dass ihre Pro­fes­sorin sie das Har­fen­spiel kom­plett von Null neu erler­nen ließ: „Nach acht Jahren Übung. Fin­ger für Fin­ger. Alles neu. Eine kom­plett neue Tech­nik.“ So unbe­quem dies war, Silke Aich­horn ist dankbar dafür: „Ich bin rhyth­misch, kann Noten lesen, bin begabt. Das alles ist ein Geschenk. Man muss aber etwas mit sein­er Begabung tun. Zuallererst den inneren Schweine­hund über­winden. Dieser kon­se­quente Weg legte die Basis für mein musikalis­ches Tun.“ Der führte Silke Aich­horn für einen weit­eren Fein­schliff zu Han-An Liu, damals Solo-Har­fenistin bei den Münch­n­er Phil­har­monikern. Aus­bil­dung von Ton zu Ton.

Mehr Hochleistungssport als Elfendasein

Die Töne, die wie ein Ereig­nis bei Silke Aich­horn einen Raum erfüllen. Die unmit­tel­bar entste­hen. „An der Harfe wird nicht gestre­ichelt oder gezirpt. Ich schieße kleine Pfeile ab“, macht sie klar. „Wie stark ich die Sait­en spanne, wie schnell ich diese loslasse, welche ich über die Ped­ale umstelle – das entschei­det über die Far­bigkeit des Klangs.“ Bis zu 1,5 Ton­nen Zugspan­nung liegen auf ihrem Instru­ment. Es ist sehr ath­letisch. Der typ­is­che Har­fen­za­uber, ein fließen­des, wellenar­tiges Klanggewebe, das sich aus­bre­it­et wie ein zarter Schleier, ist nur über kom­plexe Wege erre­ich­bar. Gespielt wird die Harfe übri­gens nur mit acht statt mit zehn Fin­gern. Die kleinen sind zu kurz. Das Umblät­tern der Noten auf ihrem iPad übern­immt dann der linke Fuß. Silke Aich­horn tippt qua­si als acht­es Ped­al auf einen Page­flip am Boden.

Die Freude am Fördern und Inspirieren

Ihre Kun­st gibt sie zu gerne weit­er. Inzwis­chen hat­te Silke Aich­horn mehrere Lehraufträge inne. Unter anderem am Lan­deskon­ser­va­to­ri­um Feldkirch/Vorarlberg oder an der Hochschule für Musik Mainz: „Ich unter­richte seit meinem 15. Leben­s­jahr.“ Sie liebt es, Kindern ihr Instru­ment näher zu brin­gen. Gern fährt sie an Schulen, lässt die Kleinen ihr Instru­ment anfassen, es aus­pro­bieren. „Unter 1000 Kindern ist eines dabei, da sehe ich sofort, da passiert etwas Magis­ches. Jet­zt ver­ste­he ich, was meine erste Musik­lehrerin damals bei mir gespürt hat. Das berührt mich immer sehr.“ Seit 2016 ist Silke Aich­horn Geschäfts­führerin des Region­al­wet­tbe­werbes „Jugend musiziert“ in Südost­bay­ern. Für ihr lei­den­schaftlich­es Arbeit­en wurde sie als „Kul­tur und Kreativpi­lotin“ von der Ini­tia­tive Kul­tur- und Kreativwirtschaft der Bun­desregierung aus­geze­ich­net. Dieses Jahr, beim Welthar­fenkongress im kanadis­chen Toron­to, wird sie inter­na­tionalen Kol­legin­nen in dem Work­shop „Let The Harp Sing“ Tricks ihrer aus­ge­feil­ten Tech­nik ver­rat­en.

Die Harfe als Lebensform

Kaum ver­wun­der­lich, dass eine Konz­ert-Harfe in Silke Aich­horns Fin­gern im Schnitt lediglich sieben bis acht Jahre hält. „Dann ist sie aus­geleiert, weil ich mein Instru­ment ein­fach so viel spiele und trans­portiere.“ Diesen Part­ner auf Zeit wählt sie sorgfältig aus. „Erst beim Spie­len füh­le ich, dass es mein Baby ist.“ Den Fehler ein­er Maßan­fer­ti­gung hat sie ein einziges Mal gemacht und teuer bereut. „30.000 Euro für ein schlecht­es Instru­ment.“ Heute spielt sie ein Mod­ell der weltweit führen­den Har­fen-Man­u­fak­tur „Lyon & Healy Harps“ aus den USA. Sie sucht aus, spielt, entschei­det. Über die per­fek­te Basis für ein meis­ter­lich­es Spiel.

Der Nachhall bleibt

Gehen Sie in ein Live-Konz­ert und tun Sie etwas für Ihre Gesund­heit.“ Diesen Satz gibt sie gern am Ende ihrer humor­voll mod­erierten Konz­erte zum Abschied auf den Weg. „Studi­en haben belegt: Im Moment des Live-Hörens wird Oxy­tocin aus­geschüt­tet, das soge­nan­nte Kuschel-Hor­mon.“ Es fördert soziale Bindun­gen, Ver­trauen, Empathie und baut Stress ab. Eine Aus­sage mit Nach­hall. Wie die Harfe, die auch nie abrupt endet. Deren Klänge ver­weilen, nach­schweben und sich langsam in der Luft verteilen, für eine bleibende Erin­nerung.

Wer die Musik­erin ein­mal live erleben möchte, hat dazu bald Gele­gen­heit: Im August 2026 in Worms und Uelzen, im Sep­tem­ber z. B. in Magde­burg und Bad Kre­unach und im Okto­ber ste­hen Rotenburg/Wümme, die Insel Amrum und Kaiser­slautern auf ihrer Tour-Liste. Mehr über Silke Aich­horn und weit­ere Konz­ert­ter­mine find­et Ihr auf Ihrer Web­seite. Oder fol­gt ihr auf Insta­gram.

 

Titelfo­to: Joachim Müller
Artikelfo­to: Sven-Kris­t­ian Wolf