Stimmbildung: Den Bauplan der Stimme entschlüsseln

FAU-Forschende untersuchen den inneren Aufbau der Stimmlippen

Wie entste­ht eigentlich der Klang unser­er Stimme? Obwohl wir täglich sprechen, ist das bis­lang nur teil­weise erforscht. Im Pro­jekt „Structure2Sound“ wollen Forschende der Friedrich-Alexan­der-Uni­ver­sität Erlan­gen-Nürn­berg (FAU) den inneren Auf­bau der Stimm­lip­pen entschlüs­seln. Die Deutsche Forschungs­ge­mein­schaft (DFG) und der öster­re­ichis­che Wis­senschafts­fonds FWF fördern das deutsch-öster­re­ichis­che Pro­jekt mit ins­ge­samt rund 674.000 Euro.

Nach Oper­a­tio­nen, Bestrahlun­gen oder auch im Alter kann sich die Stimme dauer­haft verän­dern. Ursache dafür sind oft­mals Vernar­bun­gen im Gewebe der Stimm­lip­pen: Sie beein­trächti­gen ihre Schwingung, wodurch sich der Klang der Stimme verän­dert. Das deutsch-öster­re­ichis­che Forschung­spro­jekt „Structure2Sound“ unter­sucht, wie sich der innere Auf­bau der Stimm­lip­pen auf diese Schwingung auswirkt.

Im Mit­telpunkt des Pro­jek­ts ste­ht die soge­nan­nte extrazel­luläre Matrix der Stimm­lip­pen: ein Net­zw­erk, das haupt­säch­lich aus Kol­la­gen, Elastin und Hyaluron­säure beste­ht. Diese Bestandteile bee­in­flussen, wie sich die Stimm­lip­pen bewe­gen. „Wie das genau passiert und welche Rolle die einzel­nen Bestandteile spie­len, wollen wir her­aus­find­en“, erk­lärt Pro­jek­tlei­t­erin PD Dr. Mar­i­on Semm­ler von der Abteilung für Pho­ni­a­trie und Pädau­di­olo­gie am Uni­ver­sität­sklinikum Erlan­gen der Friedrich-Alexan­der-Uni­ver­sität Erlan­gen-Nürn­berg (FAU).

Einzelne Bestandteile gezielt verändern

Für ihre Ver­suche ver­wen­den die Forschen­den Kehlköpfe von Schweinen, die als Neben­pro­duk­te in Schlachthöfen anfall­en. „Schweines­timm­lip­pen ähneln men­schlichen Stimm­lip­pen in ihrem Auf­bau und ihrem Schwingungsver­hal­ten beson­ders stark“, erk­lärt PD Dr. Semm­ler. „Sie eignen sich daher beson­ders gut, um zu unter­suchen, wie einzelne Bestandteile die Stimme bee­in­flussen.

Mit speziellen Enzy­men zer­stören die Forschen­den gezielt Kol­la­gen, Elastin oder Hyaluron­säure im Gewebe. Anschließend unter­suchen sie, welche Fol­gen die fehlen­den Bestandteile für die Schwingung haben. In einem Ver­such­sauf­bau erset­zt ein Kom­pres­sor die Lunge: Er leit­et Luft durch den Kehlkopf. Hochgeschwindigkeit­skam­eras, akustis­che Mes­sun­gen und Druck­sen­soren erfassen dabei, wann die Stimm­lip­pen zu schwin­gen begin­nen, wie regelmäßig sie sich bewe­gen und wie sich der Grund­ton dadurch verän­dert.

Internationale und interdisziplinäre Zusammenarbeit

Während das Team in Erlan­gen unter­sucht, wie Verän­derun­gen der extrazel­lulären Matrix das Schwingungsver­hal­ten bee­in­flussen, entwick­elt der öster­re­ichis­che Pro­jek­tleit­er Dr. Raphael Lam­precht vom Insti­tute of Mea­sure­ment and Sen­sor Tech­nol­o­gy der UMIT TIROL neue Messver­fahren, um das Gewebe zu unter­suchen.

Die Kom­bi­na­tion bei­der Ansätze ermöglicht es, den Zusam­men­hang zwis­chen dem inneren Auf­bau der Stimm­lip­pen, ihren Mate­ri­aleigen­schaften und ihrem Schwingungsver­hal­ten sys­tem­a­tisch zu erforschen.

 

Wenn wir wis­sen, welche Bestandteile für welche Eigen­schaften der Stimme entschei­dend sind, kön­nten wir Patien­ten in Zukun­ft deut­lich scho­nen­der behan­deln.“ PD Dr. Mar­i­on Semm­ler

 

Perspektiven für neue Therapien

Langfristig kön­nten die Ergeb­nisse Pati­entin­nen und Patien­ten helfen, deren Stimm­lip­pen nach Oper­a­tio­nen, Ver­let­zun­gen oder Bestrahlun­gen vernarbt sind. „Solch­es Nar­bengewebe enthält häu­fig viel unge­ord­net ver­net­ztes Kol­la­gen. Dadurch kann es nicht mehr frei schwin­gen“, sagt PD Dr. Semm­ler. „Denkbar wäre zum Beispiel, diese Struk­turen anhand neuer Erken­nt­nisse gezielt abzubauen und es dem Kör­p­er dadurch zu ermöglichen, das Gewebe geord­net wieder aufzubauen.

Auch alters­be­d­ingte Stim­mverän­derun­gen, Läh­mungen der Stimm­lip­pen oder die gezielte Anpas­sung der Stimm­lage kön­nten kün­ftig von den Erken­nt­nis­sen prof­i­tieren. „Wenn wir wis­sen, welche Bestandteile für welche Eigen­schaften der Stimme entschei­dend sind, kön­nten wir Patien­ten in Zukun­ft deut­lich scho­nen­der behan­deln“, sagt PD Dr. Semm­ler.

 

Foto: Tumisu from Pix­abay