Frauenanteil in DAX- und MDAX-Vorständen erstmals rückläufig

Nach mehreren Jahren kon­tinuier­lichen und teils deut­lichen Wach­s­tums ist der Frauenan­teil in den Vorstän­den der 90 Unternehmen der bei­den großen deutschen Börs­enin­dizes erst­mals wieder leicht gesunken. Im DAX 40 sind aktuell 25,5% der Vor­standsmit­glieder weib­lich – ein Rück­gang um 0,2 Prozent­punk­te gegenüber dem Vor­jahr. Im MDAX fällt der Frauenan­teil um 0,4 Prozent­punk­te auf 19,5%. Das zeigt eine aktuelle Analyse der Vor­stands­gremien durch die Per­son­al­ber­atung Rus­sell Reynolds Asso­ciates.

Damit endet vor­erst die zehn­jährige Phase steti­gen Fortschritts, in der sich der Anteil der Frauen in den Vorstän­den der Unternehmen bei­der Indizes Jahr für Jahr erhöht hat­te. Zwar bleibt das Niveau nahe dem his­torischen Hoch, doch der Trend sig­nal­isiert eine spür­bare Abschwächung der Dynamik.

Bere­its seit 2024 und auch in 2025 in lei­t­en­der Funk­tion bei Daim­ler Truck ist Karin Råd­ström (Foto). Als Vor­sitzende des Vor­stands ist sie sicher­lich eine Art Leucht­turm und Aushängeschild für Frauen im Vor­stand. Umgeben ist sie von fünf männlichen Vor­standsmit­gliedern und noch ein­er weit­eren Vorständin, die für die Finanzen zuständig ist.

 

Rückfall im internationalen Vergleich

Auch im inter­na­tionalen Ver­gle­ich ver­liert Deutsch­land an Boden. In ein­er Ver­gle­ichs­gruppe von neun Län­dern sind Deutsch­land und Schwe­den die einzi­gen Märk­te, in denen der Frauenan­teil in Vorstän­den im Jahresver­gle­ich gesunken ist. Sowohl der DAX als auch der MDAX rutschen damit in die untere Hälfte des inter­na­tionalen Rank­ings ab, nach­dem sie sich in den ver­gan­genen Jahren schrit­tweise nach vorne gear­beit­et hat­ten.

 

Mehr Parität an der Spitze – und dennoch viele rein männliche Vorstände

Trotz des Rück­gangs zeigen sich auch pos­i­tive Entwick­lun­gen: Erst­mals erre­ichen vier DAX-40-Unternehmen einen Frauenan­teil von 50% im Vor­stand. Im MDAX sind es erst­mals fünf Unternehmen. «Diese Beispiele bele­gen, dass par­itätisch beset­zte Vorstände inzwis­chen dur­chaus real­isier­bar sind», sagt Jens-Thomas Pietral­la, Leit­er der Glob­alen Board & CEO-Prax­is­gruppe von Rus­sell Reynolds Asso­ciates.

Gle­ichzeit­ig bleibt die Spreizung hoch. Zwei DAX-40-Unternehmen haben keine einzige Frau im Vor­stand (Bren­ntag und Porsche SE), ein Unternehmen mehr als im Vor­jahr. Im MDAX sind es 16 Unternehmen mit rein männlich beset­zten Gremien. Damit existieren Unternehmen mit Spitzen­werten und mit erhe­blichen Defiziten weit­er­hin nebeneinan­der.

 

Alle neuen DAX-Vorständinnen ohne operative Ergebnisverantwortung

Auf­fäl­lig ist die funk­tionale Verteilung der neu berufe­nen Frauen im DAX 40. Keine von ihnen wurde in eine der vierzehn Vor­stand­sres­sorts mit direk­ter Ergeb­nisver­ant­wor­tung oder in die sieben Sup­ply-Chain-Posi­tio­nen berufen. Fünf – und damit über 70% – der im ver­gan­genen Jahr neu hinzugekomme­nen Vorständin­nen im DAX über­nah­men das Per­son­al­res­sort (CHRO), die übri­gen wur­den zur Finanzvorständin (CFO) berufen.

«Keines der neuen weib­lichen Vor­standsmit­glieder trägt direk­te Geschäftsver­ant­wor­tung für z.B. einen Geschäfts­bere­ich oder eine Region. Hier sehen wir die beden­klich­ste Entwick­lung in der Beset­zung der Vorstände. Denn ohne diese Erfahrung ist der Schritt hin zum CEO für Frauen unverän­dert deut­lich schwieriger als für Män­ner», so Jens-Thomas Pietral­la. So wur­den die fünf im DAX neu zu beset­zen­den CEO-Posi­tio­nen auss­chließlich mit Män­nern beset­zt. Gle­ich­es gilt für alle neu vergebe­nen Vor­stand­sposten als Geschäfts­bere­ich­sleit­er (7 Posten), Region­alver­ant­wortliche (2) sowie für Vor­stands­man­date mit Zuständigkeit für Liefer­ket­ten und Tech­nolo­gie (7).

 

Hohe Fluktuation: Frauen scheiden weiterhin früher aus

Nach einem unter­durch­schnit­tlichen Vor­jahr wur­den 2025 wieder über­durch­schnit­tlich viele Vor­standsmit­glieder aus­ge­tauscht. Erneut zeigt sich dabei, dass die durch­schnit­tliche Ver­weil­dauer der aus­geschiede­nen Frauen niedriger ist als die der Män­ner. Der Abstand hat sich zwar ver­ringert, bleibt jedoch deut­lich beste­hen (7,9 Jahre bei Män­nern gegenüber 4,9 Jahren bei Frauen).

«Die Analyse zeigt ein ambiva­lentes Bild: Während einzelne Unternehmen Par­ität im Vor­stand erre­ichen und der Frauenan­teil ins­ge­samt auf hohem Niveau bleibt, ver­liert die Entwick­lung an Dynamik. Der inter­na­tionale Ver­gle­ich, die Machtverteilung in den Vorstän­den sowie die kürzere Ver­weil­dauer von Frauen machen deut­lich, dass eine struk­turelle Gle­ich­stel­lung in den deutschen Vor­stand­se­ta­gen weit­er­hin nicht erre­icht ist», sagt Jens-Thomas Pietral­la.

Wenn es Euch inter­essiert — die Studie kön­nt Ihr hier herun­ter­laden.

 

Foto: Daim­ler Truck AG