4. Juni bis 11. Oktober 2026 Museum Barberini, Potsdam
Als erste umfassende Schau in Deutschland seit 30 Jahren beleuchtet sie, welche zentrale Rolle der Künstler dabei spielte: Sie geht seinem Einfluss als Theoretiker und Netz-werker nach und stellt sein vielfältiges Œuvre in den Dialog mit Gemälden anderer europäischer Malerinnen und Maler.
Die Ausstellung umfasst knapp 100 Werke, von denen mehr als ein Drittel von Paul Signac stammen. Neben berühmten Namen wie Georges Seurat und Camille Pissarro sind auch hierzu-lande weniger bekannte Künstler vertreten, darunter die Belgier Théo van Rysselberghe und Alfred William Finch sowie der niederländische Maler Jan Toorop. Ebenso gezeigt werden Werke von Künstlerinnen des Neoimpressionismus wie Anna Boch, Lucie Cousturier und Jeanne Selmersheim-Desgrange, deren Bedeutung für die Bewegung bislang kaum untersucht wurde.
Zahlreiche renommierte internationale Leihgeber konnten für das Projekt gewonnen werden, darunter das Van Gogh Museum, Amsterdam, The Art Institute of Chicago, die Association des Amis du Petit Palais, Genf, Ateneum – Finnische Nationalgalerie, Helsinki, das Metropolitan Museum of Art, New York, die Archives Signac und das Musée d’Orsay, Paris, sowie die National Gallery of Art, Washington. Im Museum Barberini, das mit zehn neoimpressionistischen Werken von Signac, Henri-Edmond Cross, Albert Dubois-Pillet, Maximilien Luce und Camille Pissarro in der Sammlung Hasso Plattner einen der größten Bestände dieser Strömung in Deutschland hält, ist die Schau bereits das dritte Ausstellungs-projekt zum Neoimpressionismus – nach Farbe und Licht. Der Neoimpressionist Henri-Edmond Cross (2018) und Mit offenem Blick. Der Impressionist Pissarro (2025).

Théo van Rysselberghe | Paul Signac am Steuer der Olympia, 1896 | Öl auf Leinwand, 93 x 114 cm | Archives Signac
Mit dem Nebeneinander unvermischter Farben strebten die Künstlerinnen und Künstler des Neoimpressionismus eine Bildwirkung an, die an reines Licht erinnert. Die Motive ähneln denen ihrer impressionistischen Vorbilder, doch an die Stelle spontaner Malerei trat ein systematischer Farbauftrag aus fein gesetzten Pinseltupfen in den Farben des Prismas.
„Die Verbindung von wissenschaftlicher Präzision und sinnlicher Farbwirkung macht den Neoimpressionismus bis heute einzigartig“, sagt Ortrud Westheider, Direktorin des Museums Barberini. „Vielbesuchte Ausstellungen wie Radical Harmony in der National Gallery London im vergangenen Jahr oder Seurat and the Sea im Courtauld Institute in diesem Jahr zeigen die ungebrochene Faszination für diese Kunst. Auch in Potsdam lässt sich nun entdecken, wie aus einzelnen Farbpunkten Bilder von außergewöhnlicher Leuchtkraft entstehen. Ihr Zusammenspiel von Farben und Formen erzeugt eine fast musikalische Harmonie.“
Paul Signac war über Jahrzehnte der Vordenker und Netzwerker dieser neuen Malerei. Nach dem frühen Tod von Georges Seurat 1891, der den neoimpressionistischen Stil initiiert hatte, wurde Signac zum wichtigsten Vermittler und Wortführer einer Bewegung, die
sich von Frankreich rasch nach Belgien, Deutschland und in die Niederlande ausbreitete.
„Signac suchte nach ästhetischer Harmonie, die er als Spiegel gesellschaftlicher Eintracht verstand. Mich fasziniert, wie unterschiedlich die Quellen waren, aus denen er dabei schöpfte“, erklärt Nerina Santorius, Sammlungsleiterin des Museums Barberini und Kuratorin der Ausstellung. „Wissenschaftliche Erkenntnisse der Optik und Farbtheorie flossen ebenso in sein Werk ein wie anarchistische Überzeugungen und ein ausgeprägtes Interesse an Musik. Auch der ornamentale Charakter vieler Bilder zeugt von diesem Harmonie-streben. Den Neoimpressionisten ging es nicht mehr darum, mit ihrer Malerei die Natur nachzuahmen – sie imitierten unseren Sehprozess, unsere Wahrnehmung von Farben.“
Vom Impressionismus zum Neoimpressionismus
Die Ausstellung entfaltet ihr Thema in sechs Kapiteln auf zwei Etagen des Museums. Die Anfänge des Neoimpressionismus Mitte der 1880er Jahre stehen im Fokus des ersten Kapitels. Der aus wohlhabendem Elternhaus stammende, in Paris aufgewachsene Signac orientierte sich zu Beginn seiner Laufbahn am Impressionismus. 1884 lernte er Seurat kennen, der auf Grundlage zeitgenössischer Farb- und Wahrnehmungstheorien eine neue Malweise entwickelt hatte. Wie Signac sich diese Technik zu eigen machte, zeigen frühe Bilder von Seine-Landschaften und von den Küsten der Bretagne und Normandie. Sie werden mit Werken französischer Künstlerkollegen präsentiert, mit denen Signac 1884 die Société des Artistes Indépendants (Vereinigung unabhängiger Künstler) gründete. Diese Initiative zeugt von Signacs Bewusstsein für die Bedeutung einer unabhängigen Plattform, um künstlerischen Innovationen Sichtbarkeit zu verleihen.

Paul Signac | Saint-Tropez. Sonnenuntergang im Kiefernwald, 1896 | Öl auf Leinwand, 65 x 81 cm |
L’Annonciade, musée d’art moderne de Saint-Tropez | © Luisa Ricciarini / Bridgeman Images
Menschenbilder und Portraits
Das zweite Kapitel widmet sich Figurenbildern und Portraits. Wie Seurat schuf Signac in seinem Frühwerk einige großformatige Figurenbilder, in denen er mit ironischem Unterton die Lebensweise der eigenen bürgerlichen Schicht hinterfragte. In seinen Portraits stilisierte er die Kleidung und Umgebung der Dargestellten, um einen harmonischen und dekorativen Eindruck zu erzeugen. Dieses Streben nach Dekorativität stand in einem Spannungsverhältnis zu der bei einem Bildnis geforderten Naturtreue – so entwickelten nur wenige Neoimpressionisten einen Schwerpunkt in der Portraitmalerei. Am erfolg-reichsten war damit Théo van Rysselberghe, der mit mehreren Werken in der Ausstellung vertreten ist. Er wandte die neue Technik auf seine von der Detailtreue der flämischen Malereitradition geprägten Bilder an.
Grenzüberschreitende Künstlernetzwerke
Van Rysselberghe war Mitbegründer der belgischen Künstlergruppe Les Vingt (Die Zwanzig). Sie lud Seurat, Pissarro und Signac ein, in ihrem Salon in Brüssel auszustellen. Signacs zentrale Vermittlerrolle zwischen der Société des Artistes Indépendants und Les Vingt wird in dem folgenden Kapitel thematisiert. Er hatte nicht nur großen Einfluss auf die Verbreitung des Neoimpressionismus in Belgien und den Niederlanden, sondern regte auch die Mitglieder der Brüsseler Gruppe an, ihre Werke im Pariser Salon des Indépendants zu präsentieren. Zum intensiven Austausch gehörten gegenseitige Besuche und gemeinsame Reisen innerhalb Europas, die neoimpressionistische Landschaftsbilder inspirierten.
Politik und Utopie
Zahlreiche Neoimpressionisten teilten anarchistische Überzeugungen, die in ihren Werken teils unterschwellig, teils explizit thematisiert werden. Diesen Arbeiten widmet sich das vierte Kapitel der Ausstellung. Während Maximilien Luce den Alltag und die Arbeit des Proletariats zu eigenständigen Bildthemen erhob, veranschaulichten Künstler wie Cross und Pissarro ihre utopischen Gesellschaftsentwürfe in arkadischen Szenen des ländlichen Lebens oder feierten den bäuerlichen Alltag im Einklang mit der Natur.
Im Licht des Südens
Auch die Landschaften des Mittelmeeres waren Projektionsräume von Utopien. Die Werke der folgenden Sektion zeigen, wie Künstler die Côte d’Azur als paradiesischen Gegenentwurf zum industrialisierten Paris inszenierten. 1892 folgte Paul Signac Henri-Edmond Cross in den Süden und ließ sich in Saint-Tropez nieder. Die südliche Sonne eröffnete den Künstlern einen neuen Umgang mit dem Kolorit. Durch das Nebeneinandersetzen von Punkten in leuchtenden, komplementären Tönen erzeugten sie den Effekt farbigen Lichts.
Rezeption in Deutschland
Der Schluss der Ausstellung lenkt den Blick auf die bedeutende Rolle, die Signac als Künstler und Kunsttheoretiker bei der Rezeption des Neoimpressionismus in Deutschland spielte. Das mediale Debüt des Neoimpressionismus wurde durch den Sammler und Publizisten Harry Graf Kessler angeregt, der der Redaktion der Zeitschrift Pan angehörte. Dort erschienen 1898 ein Artikel und eine Lithographie von Signac sowie weitere Graphiken seiner Künstlerkollegen. Kessler hatte Signac über die Vermittlung von Julius Meier-Graefe kennengelernt, Mitbegründer und Herausgeber von Pan. Beide initiierten noch 1898 die erste Ausstellung der Neoimpressionisten in Deutschland. Zum Unterstützerkreis der Strömung gehörten auch der Architekt Henry van de Velde, der viele seiner Kunden zum Erwerb neoimpressionistischer Bilder anregte, und der Maler Curt Herrmann. Neben Werken aus dem ehemaligen Besitz solcher Förderer zeigt das Kapitel Gemälde deutscher Künstler wie Herrmann und Paul Baum, die die neue Technik in ihrer Malerei aufgriffen.
Eine Ausstellung des Museums Barberini, Potsdam, und der Kunsthal Rotterdam. Dort ist die Schau als zweite Station vom 24. Oktober 2026 bis 28. Februar 2027 zu sehen.
Von der Impression zur Wissenschaft. Der Beginn des Neoimpressionismus
Zu Beginn seiner Laufbahn orientierte sich Paul Signac am Impressionismus. 1884 lernte er den wenig älteren Maler Georges Seurat kennen, der eine grundlegend neue Mal-weise begonnen hatte. Er hatte sich aktuelle Erkenntnisse der Optik und Farbtheorie zu eigen gemacht und experimentierte mit der Zerlegung von Farben. Signac griff die neue Technik auf und inspirierte Seurat zum Arbeiten mit reinen, unvermischten Farben.
Bei der letzten Impressionisten-Ausstellung 1886 in Paris präsentierten Seurat, Signac und Camille Pissarro erstmals Gemälde in der neuen Punkttechnik. Ein Kunstkritiker prägte dafür den Begriff Neoimpressionismus. Signac und Seurat gründeten mit weiteren Malern die Vereinigung unabhängiger Künstler (Société des Artistes Indépendants) und organisierten in Eigenregie Ausstellungen.
Charakter oder Dekor. Das neoimpressionistische Portrait
Zunächst wurde die neue Malweise in Landschaften und Figurenbildern erprobt, ab 1886 entstanden auch Portraits. Für den Neoimpressionismus stellte dieses Genre eine Herausforderung dar: Die bei einem Portrait geforderte Naturtreue stand in einem Spannungsverhältnis zu der dekorativen Bildwirkung, die viele Künstler anstrebten. Paul Signac stilisierte in seinen Bildnissen die Kleidung und Umgebung der Dargestellten, um einen harmonischen und dekorativen Eindruck zu erzeugen. Andere französische Maler orientierten sich an der Strenge von Georges Seurats Figuren.
Manche der Anfang des 20. Jahrhunderts entstandenen Portraits sind mit breiteren, kurzen Strichen gemalt. Dadurch mischen sich die Töne selbst bei einiger Entfernung nicht mehr im Auge. So wird der Eigenwert der Farbe betont – ein Prinzip, das für die folgenden Künstlergenerationen zentral werden sollte.
Über die Grenzen. Signac und die Künstlergruppe Les Vingt
In den 1880er Jahren war Brüssel ein Zentrum der künstlerischen Avantgarde. Die Gruppe Les Vingt (Die Zwanzig) hatte bereits mit impressionistischen Künstlern aus unter-schiedlichen Ländern ausgestellt, als sich auch Paul Signac an ihrem jährlichen Salon beteiligte. Unter dem Einfluss von Georges Seurat und Signac wandten sich Künstler von Les Vingt dem Neoimpressionismus zu. Die Gruppe veranstaltete auch Neo-impressionisten-Schauen in Amsterdam und Den Haag, wo die Licht- und Farbintensität ihrer Gemälde neue Maßstäbe setzte.
Signac vermittelte den Künstlern von Les Vingt Ausstellungsmöglichkeiten in dem von ihm mitbegründeten unabhängigen Salon. Zum intensiven Austausch gehörten gegen-seitige Besuche und gemeinsame Reisen, die neoimpressionistische Landschaftsbilder inspirierten.
Gesellschaftliche Ideale. Die Neoimpressionisten und der Anarchismus
In einer Zeit gesellschaftlicher Umbrüche hatten die meisten Neoimpressionisten Sympathien für die Ideen des Anarchismus. Sie unterstützten anarchistische Zeitschriften mit Illustrationen und schufen Idealbilder eines gemeinschaftlichen Lebens, in dem sich das Individuum frei entfalten und einer erfüllenden Tätigkeit nachgehen kann.
Für Paul Signac waren soziale Gerechtigkeit und Harmonie in der Kunst identisch. Maximilien Luce erhob Arbeiter in ihrem Alltag und bei der Tätigkeit im Stahlwerk zu bild-würdigen Sujets. Andere Künstler veranschaulichten ihre utopischen Gesellschaftsideen in arkadischen Szenen des ländlichen Lebens oder feierten den Rhythmus bäuerlicher Arbeit im Einklang mit der Natur.
Im Licht des Südens. Mediterrane Landschaften als anarchistische Utopie
An der Côte d’Azur suchten Künstler ihr Arkadien. Paul Signac folgte Henri-Edmond Cross in den Süden und ließ sich in Saint-Tropez nieder. Die Landschaft des Mittelmeers, die damals noch kaum vom Tourismus erschlossen war, diente als paradiesischer
Gegenentwurf zum industrialisierten Paris. Für die anarchistischen Maler und Schriftsteller war sie Projektionsraum einer Zukunft in gesellschaftlicher Harmonie. In Darstellungen von Fischerorten und Booten klingt das Ideal gemeinschaftlicher Arbeit an.
Auch die Stilisierung der Landschaft und harmonische Kompositionen in prismatischen Farben vermitteln ein utopisches Moment. Die südliche Sonne eröffnete den Künstlern einen neuen Umgang mit dem Kolorit. Durch das Nebeneinandersetzen von Punkten in leuchtenden, komplementären Tönen erzeugten sie den Effekt farbigen Lichts.
Die Kunst der Farbe. Der Neoimpressionismus in Deutschland
Als Künstler wie als Kunsttheoretiker prägte Paul Signac den Einzug des Neoimpressionismus in Deutschland. Seine zentrale Schrift verortet die Strömung in einer Malereitradition,
die der Farbe den Vorrang gibt. Sie erschien 1903 auf Deutsch unter dem Titel Von Eugen Delacroix zum Neo-Impressionismus und wurde bald im fortschrittlichen Bürgertum des deutschen Kaiserreichs aufgenommen.
Zu den bedeutendsten Unterstützern des Neoimpressionismus zählten der Sammler und Publizist Harry Graf Kessler, der Architekt Henry van de Velde, der viele seiner Auftraggeber zum Erwerb neoimpressionistischer Bilder anregte, und der Maler Curt Herrmann. Dieser griff wie andere Künstler die neue Technik in seiner Malerei auf. In Deutschland verstärkten gesellschaftliche Debatten über das Sehen und Wahrnehmen sowie die Reformbewegung im Kunstgewerbe das Interesse am neuen Umgang mit Farbe.
Symphonie der Farben. Paul Signac und der Neoimpressionismus
Laufzeit: 4. Juli – 11. Oktober 2026
Adresse: Museum Barberini, Alter Markt, Humboldtstraße 5–6, 14467 Potsdam
Öffnungszeiten: Mi–Mo 10–19 Uhr
Für Kindergärten und Schulen nach Anmeldung Mo–Fr (außer Di) ab 9 Uhr
Eintritt und Tickets: Mo, Mi–Fr € 16 / € 10, Sa/So/Feiertage € 18 / € 10,
Freier Eintritt unter 18 Jahren und für Schüler:innen, freier Eintritt jeden Donnerstag ab 14 Uhr für alle unter 25
Kurator:innen: Charlotte Cachin, Marina Ferretti Bocquillon, Nerina Santorius, Joris Westerink
Ausgestellte Werke: 97 Werke
Leihgebende Sammlungen: 38 leihgebende Institutionen aus zehn Ländern
Ausstellungsfläche: rund 1.000 Quadratmeter
Titelbild: Jeanne Selmersheim-Desgrange, Portrait von Colette, um 1907, Öl auf Leinwand, 59 x 71,5 cm. Sammlung CFC © Estate Jeanne Selmersheim-Desgrange, courtesy of Pavec. Photo: Aurélien Mole
