Vegan-Studie identifiziert vier vegane Lebenswelten

Bislang größte Untersuchung in Deutschland, Österreich und der Schweiz identifiziert vier Formen der veganen Lebensweise

Wer veg­an lebt, ist nicht ein­fach “vegan”. Das ist der Befund der bish­er umfan­gre­ich­sten Unter­suchung im deutschsprachi­gen Raum mit veg­an leben­den Per­so­n­en. Die Ergeb­nisse zeigen, dass veg­an lebende Men­schen im deutschsprachi­gen Raum sich in vier unter­schei­d­bare Grup­pen unterteilen. Die große Mehrheit veg­an leben­der Men­schen lebt dabei ins­ge­samt hoch kon­se­quent veg­an. Gle­ichzeit­ig unter­schei­den sich die Grup­pen hin­sichtlich der Ausweitung veg­an­er Prinzip­i­en auf weit­ere Lebens­bere­iche sowie im Aus­maß ihres Engage­ments für die veg­ane Lebensweise.

Die Befra­gung wurde für das Web­por­tal vegan.eu durch den Psy­cholo­gen Gui­do F. Gebauer als Online-Befra­gung durchge­führt. 2.161 veg­an lebende Men­schen aus Deutsch­land, Öster­re­ich und der Schweiz im Alter von 18 bis 84 Jahren, unter ihnen 1417 Frauen, 639 Män­ner sowie 105 nicht-binäre Per­so­n­en, gin­gen in diese Auswer­tung ein. Einge­set­zt wur­den sta­tis­tis­che Ver­fahren (Clus­ter­analyse), die es erlauben, Per­so­n­en anhand ihrer empirischen Antwort­muster in Grup­pen einzuteilen.

 

Zwei große Gruppen hoch konsequent vegan lebender Menschen

Mehr als 83 % aller Befragten ließen sich zwei großen Grup­pen zuweisen, die bei­de durch eine kon­se­quente veg­ane Lebensweise und eine weitre­ichende Ausweitung veg­an­er Prinzip­i­en auf ver­schiedene Lebens­bere­iche gekennze­ich­net waren:

 

Einsatzorientierte Veganer (50,8 %)

Die größte Gruppe inner­halb der veg­a­nen Com­mu­ni­ty lebt kon­se­quent veg­an, achtet auf die Ver­mei­dung tierisch­er Stoffe in Lebens­mit­teln und Mate­ri­alien wie Led­er oder Wolle, lehnt die Hal­tung von Tieren zum men­schlichen Vergnü­gen ab und engagiert sich aktiv für Tier­rechte. Viele ver­suchen zudem, andere Men­schen vom Veg­an­is­mus zu überzeu­gen, und set­zen sich für die Ret­tung indi­vidu­eller Tiere ein. Veg­an­is­mus wird von Mit­gliedern dieser Gruppe beson­ders häu­fig aus tier­rechtlichen Grün­den prak­tiziert und als wichtiger Teil der eige­nen Iden­tität erlebt. Die Mit­glieder dieser Gruppe wün­schen sich häu­figer als andere Veg­an­er eben­falls veg­an lebende Per­so­n­en als roman­tis­che oder sex­uelle Part­ner und haben auch tat­säch­lich häu­figer veg­ane Part­ner.

 

Lebensstil-Veganer (33,0 %)

Die zweit­größte Gruppe lebt eben­falls kon­se­quent veg­an und bezieht viele weit­ere Kon­sum­bere­iche in die veg­ane Lebensweise ein, darunter Mate­ri­alien wie Wolle oder Led­er sowie Zusatzstoffe im Lebens­mit­tel- oder Mate­ri­al­bere­ich. Auch vergnü­gung­sori­en­tierte Tier­hal­tung wie Zoo- oder Haustier­hal­tung wird über­wiegend abgelehnt. Der Haup­tun­ter­schied zu den ein­sat­zori­en­tierten Veg­an­ern beste­ht darin, dass sich Lebensstil-Veg­an­er zwar eben­falls häu­fig im Fre­un­des- und Bekan­ntenkreis für Veg­an­is­mus ein­set­zen, jedoch kaum poli­tisch-aktivis­tisch engagieren. Veg­an­is­mus bildet auch für sie einen wichti­gen Teil ein­er über­wiegend tierethisch motivierten Iden­tität, durch­dringt aber das soziale Leben weniger stark als bei ein­sat­zori­en­tierten Veg­an­ern.

 

Zwei kleinere und weniger konsequente Gruppen

Pragmatische Veganer (13,1 %)

Diese erhe­blich kleinere Gruppe achtet kon­se­quent auf den Verzicht von Fleisch, Milch, Fisch und Eiern, ist bei anderen Pro­duk­t­bere­ichen wie Led­er, Wolle oder Zusatzstof­fen jedoch weniger streng. Auch vergnü­gung­sori­en­tierte Tier­hal­tung wird weniger kri­tisch hin­ter­fragt. Die sub­jek­tive Wichtigkeit der veg­a­nen Lebensweise, tierethis­che Motive, der Wun­sch nach eben­falls veg­an leben­den Part­nern sowie Veg­an­sex­u­al­ität sind schwäch­er aus­geprägt als bei ein­sat­zori­en­tierten Veg­an­ern und meist auch geringer als bei Lebensstil-Veg­an­ern. Veg­an­is­mus wird hier stärk­er als Ernährungsweise ver­standen als als umfassende, den All­t­ag prä­gende Lebens­form.

 

Vegane Grenzgänger (3,1 %)

Diese sehr kleine Gruppe ist den prag­ma­tis­chen Veg­an­ern ähn­lich, achtet jedoch zusät­zlich auch bei Fleisch, Fisch, Milch und Eiern nicht jed­erzeit strikt auf die veg­ane Lebensweise. Zudem acht­en veg­ane Gren­zgänger sel­tener auf ver­steck­te Tier­pro­duk­te oder nicht-veg­ane Mate­ri­alien wie Led­er oder Wolle. Auch vergnü­gung­sori­en­tierte Tier­hal­tung­sprak­tiken wer­den weniger kri­tisch reflek­tiert. Die tierethis­che Moti­va­tion, die sub­jek­tive Wichtigkeit der veg­a­nen Lebensweise, der Wun­sch nach veg­an leben­den Part­nern sowie Veg­an­sex­u­al­ität sind auch in dieser Gruppe deut­lich schwäch­er aus­geprägt als bei ein­sat­zori­en­tierten Veg­an­ern und über­wiegend eben­falls geringer als bei Lebensstil-Veg­an­ern.

Inter­es­san­ter­weise zeigen prag­ma­tis­che Veg­an­er und veg­ane Gren­zgänger trotz ihrer gerin­geren Kon­se­quenz teil­weise ein höheres poli­tisch-gesellschaftlich­es Engage­ment für Veg­an­is­mus und Tier­rechte als Lebensstil-Veg­an­er, die ihren Veg­an­is­mus über­wiegend im pri­vat­en All­t­ag leben.

Dies weist auf ein auch aus anderen gesellschaftlichen Bewe­gun­gen bekan­ntes Muster hin, wonach gesellschaftlich engagierte Men­schen nicht immer im gle­ichen Maße auf eine voll­ständig kon­se­quente Umset­zung im eige­nen All­t­ag acht­en. Ver­gle­ich­bare Diskus­sio­nen beste­hen beispiel­sweise auch inner­halb der Klimabe­we­gung im Zusam­men­hang mit Flu­greisen.

Ger­ade für die größte und gesellschaftlich beson­ders engagierte Gruppe der ein­sat­zori­en­tierten Veg­an­er gilt dies jedoch ger­ade nicht. Sie verbinden vielmehr eine hohe per­sön­liche Kon­se­quenz mit starkem gesellschaftlichem Engage­ment.

 

Hohe Ähnlichkeit der Gruppen bei Alter, Geschlecht und Bildung

Die vier Grup­pen weisen eine ähn­liche Struk­tur im Hin­blick auf Alter, Geschlecht/Gender, Bil­dungs­stand, Wohn­sit­z­land und Rekru­tierungskanal für die Umfrage auf. Die kom­plette Abwe­sen­heit sta­tis­tisch sig­nifikan­ter Unter­schiede in der Grup­pen­zusam­menset­zung bezüglich Geschlecht/Gender und Wohn­sit­z­land zeigt, dass die Befunde auf den gesamten deutschsprachi­gen Raum gen­er­al­isier­bar sind und auch keine Geschlecht­sun­ter­schiede wider­spiegeln.

Die voll­ständi­ge Auswer­tung mit umfan­gre­ichem Zahlen­ma­te­r­i­al ist auf vegan.eu veröf­fentlicht. Dort wer­den auch weit­ere Auswer­tun­gen bere­it­gestellt zu poli­tis­chen Ein­stel­lun­gen von veg­an leben­den Per­so­n­en, den Motiv­en für die veg­ane Lebensweise sowie zum kon­tro­ver­sen Konzept der Veg­an­sex­u­al­ität.

Vegan.eu ist ein seit 2012 beste­hen­des veg­anes Infor­ma­tion­sportal, welch­es von der ökol­o­gisch-alter­na­tiv­en Ken­nen­lern­plat­tform Gleichklang.de betrieben wird. Das Por­tal ist auf umfassende Umfra­gen und Auswer­tun­gen inner­halb der veg­a­nen Com­mu­ni­ty spezial­isiert. Hierzu wer­den auf ver­schiede­nen Rekru­tierungswe­gen größere Stich­proben herange­zo­gen und die Ergeb­nisse wer­den jew­eils mit vor­liegen­den inter­na­tionalen Stu­di­en ver­glichen sowie im Hin­blick auf Alter, Geschlecht/Gender, Bil­dungs­stand, Wohn­sit­z­land und Rekru­tierungswege kon­trol­liert.

 

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