Preis für Verständigung und Toleranz für Margot Friedländer

103 Jahre und immer noch aktiv

Am Sam­stag, den 16. Novem­ber 2024, ver­lieh das Jüdis­che Muse­um Berlin (JMB) zum 23. Mal den Preis für Ver­ständi­gung und Tol­er­anz. Die Ausze­ich­nung ging an Dr. h. c. Mar­got Friedlän­der und außer­dem an Del­phine Horvilleur. Die Lau­da­tio für Mar­got Friedlän­der hielt Bun­de­spräsi­dent a. D. Joachim Gauck. Die Direk­torin des JMB Het­ty Berg über­re­ichte die Preise an die bei­den Preisträgerin­nen.

 

Der Preis für Verständigung und Toleranz

Das JMB zeich­net mit dem Preis für Ver­ständi­gung und Tol­er­anz seit 2002 Per­sön­lichkeit­en aus Kul­tur, Poli­tik und Wirtschaft aus, die sich auf her­aus­ra­gende Weise um die Förderung der Men­schen­würde, der Völk­erver­ständi­gung, der Inte­gra­tion von Min­der­heit­en und des Zusam­men­lebens unter­schiedlich­er Reli­gio­nen und Kul­turen ver­di­ent gemacht haben. Der Preis wird im Rah­men eines fes­tlichen Din­ners gemein­sam vom JMB und den Fre­un­den des JMB ver­liehen.

Zahlre­iche Gäste aus Poli­tik, Wirtschaft, Kul­tur und Medi­en waren dabei, u.a. Schaus­pielerin Iris Berben,  Staatsmin­is­terin a. D. Moni­ka Grüt­ters, MdB, Mod­er­a­torin San­dra Mais­chberg­er und Ex-Bun­desmin­is­terin Annette Scha­van.

 

Preisträgerin Margot Friedländer

In der Begrün­dung für die Ver­gabe des Preis­es an Mar­got Friedlän­der heißt es u. a.: „Als Zeitzeu­g­in engagiert sich Mar­got Friedlän­der seit vie­len Jahren und trotz ihres hohen Leben­salters mit schi­er unfass­bar­er Kraft gegen Hass und Aus­gren­zung. Dass sich Mar­got Friedlän­der der Auf­gabe ver­schrieben hat, im Land der Täter von ihren per­sön­lichen Erin­nerun­gen an die nation­al­sozial­is­tis­che Unter­drück­ung und Ver­fol­gung sowie an die Shoah zu erzählen, diese schmerzhaften Erin­nerun­gen präsent zu hal­ten und das Risiko einge­ht, dass sie sich ein­er Begeg­nung mit Men­schen aus­set­zt, die von den unge­heuer­lichen Ver­brechen noch nie gehört haben, den Holo­caust ver­harm­losen oder leug­nen oder gar daran beteiligt waren – das beein­druckt stark. Damit diese Arbeit auch in ein­er Zukun­ft ohne Zeitzeu­gen fort­ge­set­zt wird, hat sie 2023 die Mar­got Friedlän­der Stiftung gegrün­det. Mar­got Friedlän­der set­zt sich für Tol­er­anz und Men­schlichkeit, Frei­heit und Demokratie ein. Sie fordert uns durch ihr Vor­bild dazu auf und motiviert uns gle­ichzeit­ig dazu, gegen Anti­semitismus und Ras­sis­mus einzutreten.

Geboren als jüdis­che Deutsche 1921 in Berlin, deportiert 1944 ins Konzen­tra­tionslager There­sien­stadt, befre­it im Mai 1945, ent­ging Mar­got Friedlän­der nur knapp dem Tod durch den nation­al­sozial­is­tis­chen Ter­ror. Mehrere Emi­gra­tionsver­suche der Fam­i­lie scheit­erten. Ihr Vater starb 1942 in einem Ver­nich­tungslager, ihre Mut­ter und ihr Brud­er wur­den 1943 ver­haftet und im KZ Auschwitz ermordet. Der 21-jähri­gen Mar­got gelang es zunächst, in Berlin unterzu­tauchen. 1944 wurde sie jedoch eben­falls ver­haftet und nach There­sien­stadt deportiert. Als einzige in ihrer direk­ten Fam­i­lie über­lebte sie den Holo­caust. 2008 erschien ihre Auto­bi­ografie Ver­suche, dein Leben zu machen. Als Jüdin ver­steckt in Berlin. Nach über sechs Jahrzehn­ten im Exil in New York kehrte sie im Alter von 88 Jahren in ihre Heimat Berlin zurück und nahm wieder die deutsche Staats­bürg­er­schaft an. Schon vor ihrem Umzug begann sie mit ihrem Engage­ment für Frei­heit, Demokratie und Men­schlichkeit, das sie bis zum heuti­gen Tag fort­set­zt.

Geniesserin­nen traf Mar­got Friedlän­der, übri­gens 103 Jahre alt, vor weni­gen Tagen auf ein­er anderen Ver­anstal­tung in Berlin und kon­nte sich selb­st davon überzeu­gen, dass sie eine ganz außergewöhn­liche Frau ist. Und eine wichtige Mah­ner­in für: Nie wieder!

 

Preisträgerin Delphine Horvilleur

Bere­its seit langem arbeit­et Del­phine Horvilleur inten­siv mit mus­lim­is­chen und christlichen Intellek­tuellen und Geistlichen zusam­men. Der Dia­log zwis­chen den Reli­gio­nen, die Suche nach Gemein­samkeit­en und die Über­win­dung von Äng­sten, Gren­zen und Vorurteilen ist im Fokus ihres Schaf­fens. Für Horvilleur ist die Auseinan­der­set­zung mit diesen The­men aber nie nur eine the­o­retis­che Fragestel­lung, son­dern auch eine prak­tis­che Auf­gabe, der sie sich in ihrer alltäglichen seel­sorg­erisch-sozialen Arbeit als Rab­biner­in stellt. Sie set­zt sich für mar­gin­al­isierte Grup­pen in der Gesellschaft ein und bringt Men­schen unter­schiedlich­er Glauben­srich­tun­gen zusam­men“, so die Begrün­dung der Jury.

Del­phine Horvilleur, 1974 in Nan­cy geboren, ist eine bekan­nte Per­sön­lichkeit im Bere­ich der jüdis­chen Kul­tur und Reli­gion in Frankre­ich. Sie ist eine der Rab­biner­in­nen des Judaïsme En Mou­ve­ment, der lib­eralen jüdis­chen Bewe­gung Frankre­ichs in Paris, und arbeit­et als Schrift­stel­lerin. Einige ihrer Büch­er wur­den bere­its ins Deutsche über­set­zt: Über­legun­gen zur Frage des Anti­semitismus (2020), Mit den Toten leben (2022) und Wie geht’s? Miteinan­der sprechen nach dem 7. Okto­ber (2024). Horvilleur ist außer­dem Grün­dungsmit­glied von KeReM, dem Rat der franzö­sis­chsprachi­gen lib­eralen Rab­bin­er, und Chefredak­teurin der Online-Zeitschrift für jüdis­che Sichtweisen TENOU‘A. Seit 2018 leit­et sie die Work­shops Ate­liers Tenoua – Stu­di­en- und Dialogver­anstal­tun­gen, die jeden Monat rund 300 Men­schen in Paris zusam­men­brin­gen.

 

Foto: Gün­ther Dorn / Pic One/ geniesserinnen.de