Die Produktion der irischen Tänzerin und Choreografin Edwina Guckian ist etwas ganz Besonderes, weder klassisches Konzert noch gewöhnlicher Theaterabend. Vielmehr verbindet sie Live-Musik, Schauspiel, Tanz und historische Erzählungen zu einer packenden Veranstaltung, bei der die Grenze zwischen Bühne und Tanzfläche verschwimmt. Das Publikum darf sogar selbst mittanzen und Teil des Geschehens werden. Wer lieber zuschaut, der kann das Spektakel auch vom Rand aus genießen. Tanzerfahrung und ein besonderes Talent für Foxtrott und Swing braucht es nicht, wohl aber etwas Neugier auf einen Abend, der deutlich mehr Bewegung verspricht als eine gewöhnliche Theatervorstellung.
Als Tanzen zur Rebellion wurde
Gut zu wissen: Das Stück basiert auf einer wahren Begebenheit. Die „Devil’s Dance Hall“ existierte nämlich wirklich, und zwar in Kiltoghert im County Leitrim. Dort hatte im Winter 1932 die Dorfgemeinschaft für Jimmy Gralton eine einfache Halle mit Wellblechdach errichtet. Diese entwickelte sich unerwartet zum Schauplatz eines der umstrittensten Kulturkämpfe Irlands. Auslöser dafür war jener Jimmy Gralton. Der irische Aktivist und Atheist hatte Jahre in den USA verbracht und jede Menge, mitunter auch radikale Ideen von dort mitgebracht, unter anderem neue Tanzformen wie Swing und Foxtrott. Doch in Gralton’s Hall wurde nicht nur getanzt. Hier kamen Menschen kamen zusammen, um zu lernen, zu diskutieren und politische Ideen auszutauschen. Für viele war der Saal ein unabhängiger Ort der Gemeinschaft, der außerhalb des Einflussbereichs von Kirche und Staat lag – selten für die damalige Zeit.
Auf dem Tanzboden traf traditionelle irische Musik auf Klänge aus Amerika. Reels und Sets mischten sich mit Jazz und Quickstep. Für viele bedeutete das einen Blick auf ein offeneres, selbstbestimmteres Irland. Teile der katholischen Kirche sahen darin dagegen eine Bedrohung der Moral und der gesellschaftlichen Ordnung. Die Warnung, der Teufel sei in den Tanzsaal gefahren, wurde zum Sinnbild des Kulturkampfs.
Der Konflikt blieb nicht bei erhobenen Zeigefingern: Graltons Hall wurde am Heiligabend 1932 niedergebrannt. Gralton selbst wurde 1933 als erster und bis heute einziger Ire gegen seinen Willen aus dem unabhängigen Irland abgeschoben. Mit dem Dance Hall Act von 1935 verschärfte der Staat die Kontrolle öffentlicher Tanzveranstaltungen. Was heute nach Freizeitvergnügen klingt, war damals auch eine Machtfrage: Wer durfte zusammenkommen, und wie viel Freiheit blieb einer Dorfgemeinschaft?
Swing statt Sonntagsruhe
Fast ein Jahrhundert später holt Guckian diese Ereignisse zurück ins Rampenlicht. Die ebenfalls aus dem County Leitrim stammende Künstlerin und Volkskundlerin hat mündliche Überlieferungen gesammelt, Archive durchforstet und Familienerinnerungen ausgewertet. Auch ihre eigenen Großeltern lebten in der Nähe der ursprünglichen Halle. Aus Recherche und persönlichen Erinnerungen entstand eine Produktion, die den Geist dieser Zeit spürbar machen will.
Dafür sorgen Schauspiel, Erzählungen und die „Gralton Big Band“ unter musikalischer Leitung von Stephen Doherty. Zu hören sind bläserfeudige Bigband-Klänge, Foxtrott und Lindy Hop ebenso wie traditionelle irische Tanzformen, darunter Sean-nós und Set Dance. Apropos Tanzen. Die Zuschauer werden ermuntert, sich nicht nur im Stil der 1930er-Jahre zu kleiden (was freilich kein Zwang ist), sondern auch mitzutanzen.
Damit das klappt, werden vorab wichtige Schritte gezeigt. Dabei soll es laut Guckian nicht nur um den Spaßaspekt gehen. Schließlich waren die alten Tanzsäle – es gab noch etliche weitere, darunter der Rainbow Ballroom of Romance in Glenfarne ebenfalls in County Leitrim und die Maple Hall im County Mayo – Treffpunkte, an denen Menschen Freundschaften schlossen, Partner fanden und der Isolation des Landlebens entkamen. Guckian möchte sie nicht verklären, sondern an ihre soziale Bedeutung erinnern.
Tanzreigen von Belfast bis Galway
„The Devil’s in the Dance Hall“ feiert deshalb keine nostalgische Vergangenheit, sondern die Kraft gemeinsamer Erlebnisse. Wo einst der Teufel im Tanzsaal vermutet wurde, wird heute wieder getanzt – mit flotten Rhythmen und einer Portion Widerstand gegen die Vorstellung, dass man zum Vergnügen erst eine Erlaubnis braucht. „Wir versuchen, die Freude in den Tanzsälen zurückzuerobern“, erklärt Guckian. „Diese Säle wurden fürs Tanzen gebaut, doch im Laufe der Jahre wurden sie zu Orten, an denen nur noch Bingo gespielt wird. Wir wollten uns diesen Raum zurückholen. Es ist ein Akt der Rebellion, aber mit einem Augenzwinkern.“
Nach einer ersten Tournee 2025/26 durch historische irische Tanzsäle zieht die Produktion nun auch in größere Kulturhäuser. So gastiert „The Devil’s in the Dance Hall“ am 22. Oktober 2026 in der berühmten Ulster Hall in Belfast, im Rahmen des Belfast International Arts Festival und des Belfast TradFest. Ende November und im Dezember sind Auftritte in Limerick, im County Kildare, Clare und Galway vorgesehen. Dabei geht es Guckian nicht nur um ausverkaufte Säle, sondern auch um etwas anderes. „Einer der größten Erfolge des gesamten Projekts ist es, wenn Leute sagen: ‚Ich hatte einen wunderbaren Abend mit Menschen jeden Alters.‘“
Hintergrund: Tanzsäle in Film und Theater
Es ist nicht das erste Mal, dass Irlands Tanzsäle kulturell aufgearbeitet werden. Ken Loachs Spielfilm „Jimmy’s Hall“ aus dem Jahr 2014 etwa erzählt die wahre Geschichte des Aktivisten Jimmy Gralton, der in den 1930er-Jahren seinen Tanzsaal eröffnet und damit Kirche und konservative Kräfte gegen sich aufbringt. Das Abbey Theatre in Dublin brachte die Geschichte 2017 als Bühnenfassung mit Musik, Tanz und Gesang auf die Bühne, die 2018 erneut auf Tour ging.
Einen anderen Blick bietet „The Ballroom of Romance“. Pat O’Connors 1982 erschienener, preisgekrönter Fernsehfilm nach einer Kurzgeschichte von William Trevor spielt im ländlichen Irland der 1950er-Jahre. Im Mittelpunkt steht eine Frau, für die der wöchentliche Tanzabend Hoffnung auf Liebe, aber auch die Enge des Dorflebens bedeutet. Wo Loach politische Unterdrückung und Widerstandsgeist beleuchtet und „The Ballroom of Romance“ eher Einsamkeit und unerfüllte Sehnsucht zeigt, setzt die aktuelle Produktion „The Devil’s in the Dance Hall“ auf gemeinschaftliche Lebensfreude.
Foto: Tourism Ireland
