Irisches Musiktheater mit Tiefgang: Der Teufel tanzt mit

Wenn die neunköp­fige Big­band loslegt, tre­f­fen Geigen, Quer­flöte und Akko­rdeon auf Jaz­zrhyth­men und Tänz­er im Look der 1930er-Jahre wirbeln über das Par­kett. Dazwis­chen erzählen Schaus­piel­er von ein­er Zeit, in der ein Tan­z­abend auf dem irischen Land weit mehr sein kon­nte als ein harm­los­es Vergnü­gen. Willkom­men im ein­ma­li­gen par­tizipa­tiv­en Musik- und Tanzthe­ater „The Devil’s in the Dance Hall“, das nach großem Erfolg nun erneut auf Tournee geht.

Die Pro­duk­tion der irischen Tänz­erin und Chore­ografin Edwina Guck­ian ist etwas ganz Beson­deres, wed­er klas­sis­ches Konz­ert noch gewöhn­lich­er The­at­er­abend. Vielmehr verbindet sie Live-Musik, Schaus­piel, Tanz und his­torische Erzäh­lun­gen zu ein­er pack­enden Ver­anstal­tung, bei der die Gren­ze zwis­chen Bühne und Tanzfläche ver­schwimmt. Das Pub­likum darf sog­ar selb­st mit­tanzen und Teil des Geschehens wer­den. Wer lieber zuschaut, der kann das Spek­takel auch vom Rand aus genießen. Tanz­er­fahrung und ein beson­deres Tal­ent für Fox­trott und Swing braucht es nicht, wohl aber etwas Neugi­er auf einen Abend, der deut­lich mehr Bewe­gung ver­spricht als eine gewöhn­liche The­ater­vorstel­lung.

 

Als Tanzen zur Rebel­lion wurde

Gut zu wis­sen: Das Stück basiert auf ein­er wahren Begeben­heit. Die „Devil’s Dance Hall“ existierte näm­lich wirk­lich, und zwar in Kil­toghert im Coun­ty Leitrim. Dort hat­te im Win­ter 1932 die Dor­fge­mein­schaft für Jim­my Gral­ton eine ein­fache Halle mit Well­blech­dach errichtet. Diese entwick­elte sich uner­wartet zum Schau­platz eines der umstrit­ten­sten Kul­turkämpfe Irlands. Aus­lös­er dafür war jen­er Jim­my Gral­ton. Der irische Aktivist und Athe­ist hat­te Jahre in den USA ver­bracht und jede Menge, mitunter auch radikale Ideen von dort mit­ge­bracht, unter anderem neue Tanz­for­men wie Swing und Fox­trott. Doch in Gralton’s Hall wurde nicht nur getanzt. Hier kamen Men­schen kamen zusam­men, um zu ler­nen, zu disku­tieren und poli­tis­che Ideen auszu­tauschen. Für viele war der Saal ein unab­hängiger Ort der Gemein­schaft, der außer­halb des Ein­fluss­bere­ichs von Kirche und Staat lag – sel­ten für die dama­lige Zeit.

Auf dem Tanz­bo­den traf tra­di­tionelle irische Musik auf Klänge aus Ameri­ka. Reels und Sets mis­cht­en sich mit Jazz und Quick­step. Für viele bedeutete das einen Blick auf ein offeneres, selb­st­bes­timmteres Irland. Teile der katholis­chen Kirche sahen darin dage­gen eine Bedro­hung der Moral und der gesellschaftlichen Ord­nung. Die War­nung, der Teufel sei in den Tanzsaal gefahren, wurde zum Sinnbild des Kul­turkampfs.

Der Kon­flikt blieb nicht bei erhobe­nen Zeigefin­gern: Gral­tons Hall wurde am Heili­ga­bend 1932 niederge­bran­nt. Gral­ton selb­st wurde 1933 als erster und bis heute einziger Ire gegen seinen Willen aus dem unab­hängi­gen Irland abgeschoben. Mit dem Dance Hall Act von 1935 ver­schärfte der Staat die Kon­trolle öffentlich­er Tanzver­anstal­tun­gen. Was heute nach Freizeitvergnü­gen klingt, war damals auch eine Macht­frage: Wer durfte zusam­menkom­men, und wie viel Frei­heit blieb ein­er Dor­fge­mein­schaft?

Swing statt Sonntagsruhe

Fast ein Jahrhun­dert später holt Guck­ian diese Ereignisse zurück ins Ram­p­en­licht. Die eben­falls aus dem Coun­ty Leitrim stam­mende Kün­st­lerin und Volk­skund­lerin hat mündliche Über­liefer­un­gen gesam­melt, Archive durch­forstet und Fam­i­liener­in­nerun­gen aus­gew­ertet. Auch ihre eige­nen Großel­tern lebten in der Nähe der ursprünglichen Halle. Aus Recherche und per­sön­lichen Erin­nerun­gen ent­stand eine Pro­duk­tion, die den Geist dieser Zeit spür­bar machen will.

Dafür sor­gen Schaus­piel, Erzäh­lun­gen und die „Gral­ton Big Band“ unter musikalis­ch­er Leitung von Stephen Doher­ty. Zu hören sind bläser­feudi­ge Big­band-Klänge, Fox­trott und Lindy Hop eben­so wie tra­di­tionelle irische Tanz­for­men, darunter Sean-nós und Set Dance. Apro­pos Tanzen. Die Zuschauer wer­den ermuntert, sich nicht nur im Stil der 1930er-Jahre zu klei­den (was freilich kein Zwang ist), son­dern auch mitzu­tanzen.

Damit das klappt, wer­den vor­ab wichtige Schritte gezeigt. Dabei soll es laut Guck­ian nicht nur um den Spaßaspekt gehen. Schließlich waren die alten Tanzsäle – es gab noch etliche weit­ere, darunter der Rain­bow Ball­room of Romance in Glen­farne eben­falls in Coun­ty Leitrim und die Maple Hall im Coun­ty Mayo – Tre­ff­punk­te, an denen Men­schen Fre­und­schaften schlossen, Part­ner fan­den und der Iso­la­tion des Landlebens entka­men. Guck­ian möchte sie nicht verk­lären, son­dern an ihre soziale Bedeu­tung erin­nern.

Tanzreigen von Belfast bis Galway

„The Devil’s in the Dance Hall“ feiert deshalb keine nos­tal­gis­che Ver­gan­gen­heit, son­dern die Kraft gemein­samer Erleb­nisse. Wo einst der Teufel im Tanzsaal ver­mutet wurde, wird heute wieder getanzt – mit flot­ten Rhyth­men und ein­er Por­tion Wider­stand gegen die Vorstel­lung, dass man zum Vergnü­gen erst eine Erlaub­nis braucht. „Wir ver­suchen, die Freude in den Tanzsälen zurück­zuer­obern“, erk­lärt Guck­ian. „Diese Säle wur­den fürs Tanzen gebaut, doch im Laufe der Jahre wur­den sie zu Orten, an denen nur noch Bin­go gespielt wird. Wir woll­ten uns diesen Raum zurück­holen. Es ist ein Akt der Rebel­lion, aber mit einem Augen­zwinkern.“

Nach ein­er ersten Tournee 2025/26 durch his­torische irische Tanzsäle zieht die Pro­duk­tion nun auch in größere Kul­turhäuser. So gastiert „The Devil’s in the Dance Hall“ am 22. Okto­ber 2026 in der berühmten Ulster Hall in Belfast, im Rah­men des Belfast Inter­na­tion­al Arts Fes­ti­val und des Belfast Trad­Fest. Ende Novem­ber und im Dezem­ber sind Auftritte in Lim­er­ick, im Coun­ty Kil­dare, Clare und Gal­way vorge­se­hen. Dabei geht es Guck­ian nicht nur um ausverkaufte Säle, son­dern auch um etwas anderes. „Ein­er der größten Erfolge des gesamten Pro­jek­ts ist es, wenn Leute sagen: ‚Ich hat­te einen wun­der­baren Abend mit Men­schen jeden Alters.‘“

Hintergrund: Tanzsäle in Film und Theater

Es ist nicht das erste Mal, dass Irlands Tanzsäle kul­turell aufgear­beit­et wer­den. Ken Loachs Spielfilm „Jimmy’s Hall“ aus dem Jahr 2014 etwa erzählt die wahre Geschichte des Aktivis­ten Jim­my Gral­ton, der in den 1930er-Jahren seinen Tanzsaal eröffnet und damit Kirche und kon­ser­v­a­tive Kräfte gegen sich auf­bringt. Das Abbey The­atre in Dublin brachte die Geschichte 2017 als Büh­nen­fas­sung mit Musik, Tanz und Gesang auf die Bühne, die 2018 erneut auf Tour ging.

Einen anderen Blick bietet „The Ball­room of Romance“. Pat O’Connors 1982 erschienen­er, preis­gekrön­ter Fernse­hfilm nach ein­er Kurzgeschichte von William Trevor spielt im ländlichen Irland der 1950er-Jahre. Im Mit­telpunkt ste­ht eine Frau, für die der wöchentliche Tan­z­abend Hoff­nung auf Liebe, aber auch die Enge des Dor­flebens bedeutet. Wo Loach poli­tis­che Unter­drück­ung und Wider­stands­geist beleuchtet und „The Ball­room of Romance“ eher Ein­samkeit und uner­füllte Sehn­sucht zeigt, set­zt die aktuelle Pro­duk­tion „The Devil’s in the Dance Hall“ auf gemein­schaftliche Lebens­freude.

 

Foto: Tourism Ire­land